Paul Maar:Wie alles kam. Roman meiner Kindheit, Frankfurt: S. Fischer 2020, geb., 302 Seiten, ISBN 978-3-10-397038-8, 22 Euro

Der souveräne Erzähler besticht durch die überzeugende Mischung zwischen jugendlicher und Erwachsenenperspektive. Nach meinem Eindruck enthalten die einzelnen Abschnitte prägende Episoden der Erinnerung, die nach der Bedeutung für den Erwachsenen befragt werden, ohne dass dies explizit ins Auge sticht. Im Gegenteil: alle Vorgänge, Ereignisse, Dialoge und Erlebnisse werden ebenso wie die Gedanken nachvollziehbar und authentisch erzählt.
Zunächst wird man mit den Lebensumständen vertraut gemacht; die Lieblings- Großeltern, Oma Kuni und Opa Schorsch aus Obertheres, die Eltern der Mutter, zu denen sie aus dem Bombenangriff auf Schweinfurt geflüchtet sind (68f), und ihre Fürsorge bilden den Rahmen für einen verwirrenden Tagtraum, eine Vision, die nicht die einzige bleibt (10, 101).
Wie Erinnerung funktioniert, interessiert den jungen Maar: mehr durch Düfte/ Gerüche, oder mehr durch Fotos? Der wichtigste Freund in dem kleinen Ort heißt Ludwig, wird aber Lud genannt, weil auch Paul ein einsilbiger Vorname ist (18). Mit ihm hilft er in der Landwirtschaft und heckt Streiche aus; ein fahrlässiger Arzt verursacht den Tod seiner Mutter (26f). Glücklicherweise ist der Arzt in Urlaub, als der Vater ihn erschießen will (28).
Seine neue Mutter Betty wird die Gastwirtstochter in Obertheres. Er bleibt ihr überall auf den Fersen, und auch sie macht sich Sorgen, wenn er wegläuft, und sie nicht weiß, wo er ist (41).
Prägend für ihn jedoch wird der Vater, der ihn zunächst für ein Mädchen ausgibt (33), doch sich dann zur Angstfigur entwickelt (47f). Erst mit 92 ist er gestorben (49f). Maar entdeckt auch später Verhaltensweisen bei sich, die offenbar auf den Vater zurückgehen (51f).
Seine Studie versucht dem Vater gerecht zu werden (53ff), den der Neunjährige als Eindringling in die vertraute Beziehung mit der Mutter wahrnimmt (59). Durch häusliche Gewalt stellt der Vater Nähe her (64).
Oma Rethel, die Mutter des Vaters, entfaltet in Obertheres eine ärgerliche Diktatur im Haushalt und eine eigensinnige Nötigung zur Durchsetzung ihrer Ziele; Paul wird zu ihrem Vertrauten (84f). Das Essen, dass er ihr bringt, versteckt sie, und es verschimmelt (91ff). Nach zwei Schlaganfällen stirbt sie (94).
Beim Bogenschießen am Main entdecken Lud und Paul einen Kahn, der Ihnen leider durch einen Hund abhanden kommt (105ff). Paul erlebt den Einmarsch der Amerikaner in Obertheres und genießt zum ersten Mal Schokolade (133).
Bücher spielen in Maars Leben eine wichtige Rolle, wenngleich der Vater Lesen für Zeitverschwendung hält (135). Eine wichtige Parallele entdeckt er in seiner und der mütterlichen Buchbeziehung (134ff). Die Bibelgeschichten regen seine Fantasie an, bis der Vater verfügt, die Bibel der Mutter wegzuschließen (146).
Dass er schon lesen kann, als er in die Schule kommt, verursacht Probleme (149f). Bruder Bernd hat hingegen eine große mathematische Begabung: er erlernt beim Zuschauen die Regeln des Schafkopfspiels (161). Und Bernd distanziert sich erfolgreich vom Vater (166ff).
Den Umzug nach Schweinfurt bezeichnet Maar als tiefste Zäsur in seinem Leben (176). Der Albtraum der ersten Nacht scheint dies zu bestätigen (183f). Drei Körpermerkmale nimmt er aus Obertheres mit (173ff). 
Die fränkische Mundart macht ihm zu schaffen (186ff), ebenso der Sportunterricht und seine Isolation in der Klasse (197ff). Ehe Maar von seiner Erstbegegnung erzählt (207ff), schildert er den Umgang mit seiner dementen Frau Nele (201ff).
Eine erste Verliebtheit verbietet/verhindert erfolgreich der Vater (251f); Pauls Reaktion führt zur Wiederholung der Klasse und erweist sich als segensreich (261ff). Er wird in der neuen Klasse zum erfolgreichen Maler, sein Freund Franz zum Lyriker; mit Günther unternehmen die drei eine Radtour nach Rom, die bruchstückhaft geschildert wird (265ff). Diese Tour hebt sein Ansehen beim Vater (273), der immer merkwürdigere Ideen ausgebrütet (273ff). Franz ermöglicht Paul durch eine Motorradfahrt ohne Führerschein eine Liebesbegegnung mit Nele (283f).
Zum Schluss erzählt Maar von der Entdeckung seines Sams (287f), seiner Bundeswehrzeit (288ff) und vom Tod seines Freundes Franz (291). Er fühlt sich in seiner neuen Rolle als Schriftsteller zugleich als Franz' Nachfolger.
Zu spät erhält er Briefe des Vaters an seine Mutter und damit eine Erklärung für dessen Verhalten (295ff).
Ich kann mir kaum eine*n Leser*in vorstellen, die nicht von den lebendigen Gestalten und deren Zusammenspiel in Bann gezogen würde; hingegen gibt es viele Episoden, bei denen ich mich wiedererkenne oder mein Kopfkino aktiviert wird. Jedenfalls ist mir völlig unmöglich, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.