Christian Berkel: Ada.Roman, Berlin: Ullstein 2020, geb., 400 Seiten, ISBN 978-3-550-20046-5, 24 Euro

Auch dieser Roman des beliebten Darstellers (Der Kriminalist) erweist sich als überaus lesenswert; es fällt schwer, ihn aus der Hand zu legen.
Obwohl auch diese Lektüre Aufmerksamkeit verlangt, weil sie in der erzählten Zeit springt. Glücklicherweise verlangt der Roman keine Kenntnis des vorausgehenden[1]. Er kann für sich gelesen werden. Allerdings finden sich immer wieder Andeutungen, die sich nur durch Kenntnis des Apfelbaums enträtseln lassen. Adas Vatersuche durchzieht den Roman wie ein roter Faden, von ihrer Geburt 1945 in Leipzig (30) über ihre Kinderjahre in Buenos Aires/Argentinien (32ff) bis zur Berliner Zeit als Familie (50ff).
Der verwöhnte Knabe, der hier mit seiner (Halb)Schwester groß wird, wird in Anspielung auf das aktuelle Medienthema Sputnik (133f) genannt; er erinnert mich an meine eigene Kindheit.
Damit ist bereits ein wichtiges Thema des Romans angesprochen: die Geschwisterkonstellation, die zum Teil regelrecht mit der Familienkonstellation kontrastiert. Während sich Ada nämlich mit ihrem (Halb)Bruder zunehmend besser versteht, entfremdet sie sich zunehmend von ihren Eltern. Nach einschlägigen Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr (181f), Drogen (274ff; 312f 70), Kommune (270f) und Studentenprotesten beim Schah Besuch (316ff) provoziert Ada ihre Mutter vor ihren Bekannten (eingeführt 116f) und und erreicht ein, wenngleich lückenhaftes, Bekenntnis ihrer anonymen Judenexistenz in einer Leipziger Klinik, wo auch ihre Wege sich mit Mopp kreuzen (334f).
Raffiniert wirkt, wie Vertrauenspersonen mit Geheimnisträgern zusammenfallen; wie Adas Reise in ihre Vergangenheit durch Mopp, die ihre Vatersuche unterstützt (308f), durch Dora und Großvater Jean, die ihr durch die ungewollte Schwangerschaft helfen (beim Abbruch lernt sie den Mann kennen, der ihr selber ins Leben geholfen hat, 222, 225) und schließlich durch Großtante Lola und ihren Mann Robert, die sie über ihr Judentum aufklären (356f).
Immer wieder wird die Icherzählung durch einen Zeitsprung unterbrochen: die Sitzungen beim Therapeuten leiten den Roman ein (23ff), markieren eine Zwischenetappe (249ff) und beenden ihn auch (392ff). Der Therapeut bietet auch den Anlass für die Erzählung. Berkel gliedert sie in drei große Teile: I: Erinnern (11ff) umgreift das Traumbuch und reicht durch einzelne Phasen bis zur Kubakrise (244); II: Wiederholen (249ff) führt  bis zum erwähnten Bekenntnis der Mutter, das der Vater unterbricht (337) und III: Durcharbeiten (341ff) beginnt ebenfalls mit einer  Therapeutensitzung und veranschaulicht im Rahmen eines Open Air Konzerts Adas  LSD Rausch (386ff).
Anhand der Erlebnisse Adas lassen sich historische Ereignisse, in die Ada einbezogen wird, illustrieren und emotional verarbeiten. Die Nähe zu den Geschehnissen erleichtert den Leser*innen die Identifikation mit Ada und beflügelt  das Kopfkino. Als Hintergrundfolie der Handlung dienen der Sputnik-Schock (129), der Mauerbau (184f), der Schah Besuch (316ff) und schließlich die Maueröffnung,  mit der Berkel einsetzt (14f).
Ein Buch, das provoziert, über eigene Verwandtschaftsbeziehungen nachzudenken, zu reflektieren.    



[1] Christian Berkel: Der Apfelbaum. Roman, Berlin 2018