Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten. Roman. Aus dem Französischen von Marlies Ruß, Wien: Zsolnay 2020, geb., 173 Seiten, ISBN 978-3-552-05999-3, 20 Euro

Das Leben eines Landschaftsgärtners, der Ich-Erzähler Carlo Weiß, seines Gehilfen Agon und der beiden Vettern Bitil und Lastar, zieht für eine kurze Zeit kurzweiliger Unterhaltung am Leser, an der Leserin vorbei.
Die Handlung beginnt mit der Trennung von seiner Frau Ana, deren Auszug eine irritierende Leere in der Wohnung hinterlassen hat. Sie ist Krankenschwester, und ihr Beruf hinterlässt Spuren, die sich der Nase aufdrängen (13). Seine Mutter erzwingt durch die Flucht aus ihrem Heim eine neue Unterbringung im Grand National (60;77), das sie als Kind und junge Frau jeden Morgen mit Gebäck beliefert hat (76;107).
Das Buch endet mit dem Tod der schwer dementen Mutter, die im Sarg aus dem Dienstboteneingang des Grandhotels mitten in der Nacht rausgebracht wird (168ff), um andere Hotelgäste nicht mit dem Tod zu beunruhigen.
Parallel zu diesem Abschied auf Raten wird der turbulente Abschied Agons aus seiner Gartenparzelle zum Übergang in eine neue Kleingartenanlage jenseits der Autobahn erzählt. Die Fläche wird für eine geplante neue Fußballarena benötigt (32). Weiß erlebt in der Schrebergartenbaracke von Agon eine schreckliche Gewaltszene, die nur durch das tatkräftige Eingreifen von Freunden der Schrebergartensiedlung nicht mit dem Tod Agons endet (43f). Seine Andeutungen lassen später Motive für den Totschlagsversuch vermuten (118ff).
Im Krankenhaus trifft Carlo Ana wieder (47). Sie beschließen, die Tochter Mina zu deren ersten Ausstellungseröffnung zu besuchen (54).
Dieser gemeinsame Besuch bringt Carlo und Ana wieder zusammen (93).
Erinnerungen flankieren diese Ereignisse (36,71:an Papa; 41,64:an Mama; 50: an Liebe; 85f:an Mina; 147/149f:an Großvater); und Leser*in wohl bekannte Auseinndersetzungen zwischen Sohn und Mutter um das Recht auf Selbstbestimmung kumulieren dramatisch in der Hotelöffentlichkeit (72f).
Paul Favre (96) und Hans v. Bullion (104) kommen als ehemalige Liebhaber von Pia Weiß ins Spiel, der Mutter von Carlo, den sie selbst als Demenzkranke nur noch Emil nennt (75).
Ana und Carlo treffen sich bei der Mutter im Grand National erneut (122ff) und lieben sich auf dem Rückweg in einer flachen trockenen Wiesenmulde (135ff) - allerdings nicht ohne Störung (137f;139).
Agons Hütte wird fachgerecht über die Autobahn hinweg von einem Helikopter auf die neue Parzelle gesetzt (141f).
Die letzte Szene erleben der immer noch stark angeschlagene Agon und Carlo gemeinsam. Sie machen die Tote behutsam für ein Treffen mit Paul Favre zurecht (160ff).
Dieser Handlungsaufriss lässt nichts von der hinreißenden Einfühlsamkeit des Autors und seiner mitfühlenden Sensibilität in Sprache und Bildern erkennen. Zwar ist es ein Lehrer, der als Autor zeichnet, aber er und seine Übersetzerin müssen ein Faible für Gärten und Vögel und Seelenstimmungen haben. Es gelingt beiden, die Lektüre mit Kopfkino zu würzen. Und vieles in der Andeutung und Schwebe zu belassen. So bleibt fraglich, ob Carlo tatsächlich der Sohn seines Vater ist, da mit Favre und von Bullion zwei zusätzliche Aspiranten als Geschlechtspartner von Pia Weiß eingeführt werden. Auch die Andeutung, dass die beiden Vettern Bitil und Lastar womöglich schwul sind, bleibt offen. Ich finde, das Buch ist das ideale Geschenk für jede(n) im Alter von 10 bis 100. Es spiegelt empathisch Alltag in allseits bekannten Höhen und Tiefen.