Miriam Kühsel-Hussaini: Tschudi. Roman, Hamburg: Rowohlt 2020, hc., 320 Seiten, ISBN 978-3-498-00137-7, 24 Euro

Das Porträt eines offenbar eindrucksvollen kenntnisreichen und sensiblen aber schwer kranken Kunstbegeisterten, der als Direktor der Nationalgalerie 1909 weggemobbt wird und Direktor an der Münchner Pinakothek wird, um heuchlerischer Weise nach seinem Tod von allen, die ihn vorher anfeindeten, hochgelobt zu werden.

Es zeichnet die Höhen und Tiefen dieses Mannes zunächst mit Kontraststudien über Befindlichkeiten und Stimmungen der Menschen, vorrangig Künstler, die mit Hugo von Tschudi, einem schweizerischen Adligen, in irgendeiner Beziehung standen.
Adoph Menzel und Anton von Werner (126ff) gehören ebenso dazu wie Wilhelm Bode (133ff), der Freund Max Liebermann mit seiner Frau Martha (31ff), Leo König (61), Max Klinger (107ff), Max Slevogt (148f) sowie Walter Leistikow (229ff). Auch Gesprächsrunden in Clubatmosphäre werfen ein spezielles Licht auf Sponsoren, Gönner und Künstler und illustrieren gleichsam in Sprache Stimmungen und Themen.
Mehrere dieser Studien gelten dem kaiserlichen Amateurmaler Wilhelm II (52; 83; 100; 117f; 139f;162f; 193f; 246f; 251ff; 256f; 259; 284f; 291; 307f), der sich offenbar diesem Nationalgalerie-Direktor nicht gewachsen, ja unterlegen fühlt. Dieses Gefühl gipfelt in einem Erlass, der für alle Erwerbungen der Nationalgalerie eine kaiserliche Genehmigung fordert (120). Schließlich scheint sich die Szenenfolge zwischen Kaiser und Tschudi abzuwechseln, bis der Kaiser wütend das Geld für einen bereits geschlossenen Kaufvertrag ablehnt.
Tschudi scheint ununterbrochen Beziehungen anzuknüpfen, Besuche zu machen und seiner unstillbaren Leidenschaft, der modernen Kunst, überall auf dem Globus, vor allem in England und Frankreich zum Durchbruch zu verhelfen. Die Abgeordneten sehen diese Beschaffungspolitik skeptisch bis ablehnend (78ff), auch der Generaldirektor plädiert für Mäßigung in der Anschaffung fremder Kunst (79f) Tschudis Leidenschaft äußert sich in einer Festansprache in der Akademie der Künste zum Jahresende 1898 (94ff).
Am häufigsten finden sich Gedanken, Pläne und Empfindungen des Protagonisten, der sich immer wieder an seinen Forscher-Vater erinnert.
Er ist mit einer wunderschönen Frau, einer Spanierin, verheiratet, was umso wundersamer scheint, weil er offenbar von Hautkrebs befallen ist, der sein Gesicht zunehmend verunstaltet und ihn zwingt, in der Öffentlichkeit eine von Rudolf Virchow (71f; 102f) entworfene Maske zu tragen. Frauen bewundern ihn: Cosima Wagner (53f; 64ff) und eine aufdringliche Industriellen-Gattin (74ff). Seine Ela, eigentlich Angela Fausta Caridad Gonzales Olivares (124f; 136), adlig, aus Barcelona, erregt allgemeine Bewunderung, und sie ist unsterblich verliebt in ihn (142f).
Was immer wieder in Gesprächen anklingt und somit wie ein roter Faden unterschwellig den Roman durchwirkt, ist der ausgeprägte Antisemitismus, der bereits durch das häufige Wort jüdisch Aufmerksamkeit weckt. Zentral dafür steht die Selbstreflexion Walter Rathenaus (113ff). Auch die Zeitgeschichte ist indirekt ständig präsent. Stimmen (315ff), eigentlich Nachrufe - mit eigenhändig unterschriebenem Porträtfoto (316) - und Quellen (319) beschließen den Roman.
Die Sprache des Romans zwingt förmlich immer wieder zum Innehalten: Metaphern, Vergleiche, Briefe, Mundart, die sich nur in mündlicher Gestalt, im Hören verwirklicht, und immer wieder Brüche mit der Konvention: Wortfetzen statt Sätze, Apokopen; dann auch wieder gleichsam Suchen nach Wörtern, das sich in Häufungen ausmünzt. Und die Aufmerksamkeit in beschreibenden Passagen gilt immer wieder dem Licht: z.B.: "Maßlos erstreckte sich...lavafarbene Glut in langen Goldfäden..." (193) oder "...vom Sommer durchblutet." (203).
Dem Roman eignet eine dreifache Qualität: schon die Sprache verführt als eigener Reiz in die Handlung hinein; die Gestalten bis in die Nebenfiguren hinein gewinnen Leben und physische Präsenz; und die gesellschaftliche Gemengelage in Berlin wird meisterhaft skizziert/szenisch eingefangen. Nicht nur Menschen, die sich für Kunstgeschichte interessieren, werden den Roman mit Gewinn lesen.