Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010, 3. Aufl. btb 2011, kart., 334 Seiten, ISBN 978-3-442-74213-4, 10,99 Euro

Zunächst gebührt der Verlagsgruppe Randomhouse Dank für die kostenfreie Übersendung des aus mindestens zwei Gründen unterhaltsamen Buches:
1. rätsle ich bei fast jedem Satz, ob ich ihn erst nehmen darf oder ob er ironisch gemeint ist.
2. bisher ist es das einzige Buch über Tod und Sterben, in dem ich immer wieder so laut lachen muss, dass meine Frau dieses Thema zu allerletzt errrät.
Außerdem werden der Autor und sein älterer Bruder Jonathan als Quelle immer wieder explizit bemüht, und ihre Verschiedenheiten von Genen oder Stillzeit oder fehlende Stillzeiterfahrung.
Ich fühle mich verpflichtet, dieses kostenlose Vergnügen dem Verlag durch eine kurze Besprechung zu vergüten.
Zunehmend lese ich das Buch als eine spezifische der Todesangst gewidmete Autobiographie, der sich vor allem der Autor in seinem dritten Lebensabschnitt ausgesetzt fühlt. Außerdem bestimmt der Atheismus des Autors und der immer wieder gezogene Vergleich mit dem philosophischen Agnostiker, als den er seinen Bruder beschreibt, die Bewertung seiner Umgebung und der Vielzahl seiner Bekannten aus der Musik- und der Schriftstellerszene. Viele Ansichten und Einsichten gehen auch auf die Eltern zurück. Und natürlich auf eine eindrucksvolle Lektüre, die bedauerlicherweise am Ende des Buches entgegen meiner Erwartung nicht nachgewiesen wird.
Und eine weitere Erwartung wird reizvollerweise durchkreuzt: eine sukzessive Erzählung. Die Zeitsprünge und die Szenenwechsel machen den Reiz des Buches aus, das keine Gelegenheit auslässt, nach dem Strickmuster "Ach was ich noch sagen wollte..." seine Gedanken assoziativ zu entfalten. So kokettiert Barnes beispielsweise damit, dass das Schreiben über den Tod seine Angst davor immer mehr vergrößert (134).
Natürlich beschreibt er die Umstände des Todes bei Vater (220f) und Mutter (18ff), obwohl die Positionen der Schilderungen durchaus nachdenklich stimmen; das Buch erhellt im weiteren Verlauf, dass die Mutter in vielfältig komische Situationen gerät, sodass sie eindeutig die reizvollere Erzählfigur darstellt.
Mit der Betonung des Holperns im Roman (das Leben holpert, 226) beginnt eine Reihe von amüsanten Anekdoten zum Teil bekannter zum Teil berühmter Menschen die es dem Autor offenbar erleichtern zum Ende zu kommen, obwohl er es nicht lassen kann, immer wieder zwischendurch augenzwinkernd sein eigenes Geschäft zu kommentieren (zum Beispiel 325).
So war ich auch nicht überrascht über den Schluss, zudem er kokett dreimal ansetzt (333). Fast bin ich versucht zu vermuten, dass die Verbindung dieses dreifachen Endes mit der Seitenzahl kein Zufall ist.
Jeder und jede, vom jungen Erwachsenen bis zum Greisenalter, hat etwas versäumt, wenn er dieses Buch nicht liest.