Natalie Grams: Was wirklich wirkt. Kompass durch die Welt der sanften Medizin, Berlin: Aufbau 2020, kart., 250 Seiten, ISBN 978-3-351-03471-9, 18 Euro

Im NDR - in der Sendung DAS - lernt ich sie und ihr Anliegen kennen. Und meine Sympathie steigerte sich mit der Lektüre ihres Buches. Vor allem, als ich von ihrem Werdegang als homöopathische Ärztin las.
Auch ich rege mich über unkritische Übernahme von Klischees über die "Schulmedizin" auf, obwohl ich selbst einschlägige Erfahrungen mit gedankenloser und ausschließlich körperteilbezogener Medizin nach einem schweren Fahrradunfall gemacht habe.
Und ich teile die Forderung nach einer Integration von Gesprächsschulung in die Ausbildung von Ärzten, um ihnen den Gebrauch von Fachausdrücken im Umgang mit ihren Patient*innen abzugewöhnen. Und Zuhören zu lernen (175f).
Auch dass mit Gesundheit kein Geschäft verbunden werden darf - mit Pflege erst recht nicht! - und dass der notwendige Umgang nicht primär auf Zeit dokumentiert, sondern menschlich und einzelfallbezogen auf Heilung verwirklich werden sollte, ohne dass der Profit das Ziel der Behandlung darstellt, muss neu gelten!
Sympathisch finde ich, dass die Autorin kein Hehl daraus macht, was sie beabsichtigt: sie will falsche und gefährliche Heilungsversprechungen entlarven; und sie macht das ebenso überzeugend wie gründlich.
Behauptungen können niemals Nachweise ersetzen! Dieser Grundsatz begleitet die Lektüre von Beginn bis zum Ende.
So erklärt Grams ebenso anschaulich wie plausibel, wie man sich evidenzbasierte Medizin vorzustellen hat, und warum sie sich stets weiter entwickelt (55ff). Insofern teile ich ihr Bedauern darüber, dass nachweislich unwirksame Methoden in der sogenannten alternativen Szene von den Krankenkassen übernommen werden. Solange sogenannte schonende Arzneimittel apothekenpflichtig sind, hält sich hartnäckig die Zuversicht, dass sie auch wirksam sein müssen (190f). Wie sie halte ich es für einen Skandal, dass Heilpraktiker ohne Ausbildung diesen Beruf ergreifen können (174).
Und wenn diese Zuversicht fanatisch wird, dann droht ein Noceboeffekt (76f), dass nämlich medizinisch erprobte Heilmittel tatsächlich schlecht vertragen werden, weil sie mit diesem Vorbehalt eingenommen wurden.
Hilfreich finde ich die ausführliche, gründliche und anschauliche Beschreibung des Immunsystems und der Wirkung von Viren und Bazillen (86ff). Dass Krankheitssymptome eigentlich die Arbeit des Immunsystems spiegeln, war mir vor der Lektüre nicht so klar wie jetzt.
Auch Grams' Warnung vor ungezügelter Medikamenteneinnahme – vor allem Antibiotika – ist angesichts der pausenlos auf uns einhämmernden Pharma-Werbung hochaktuell; suggeriert sie doch, bei jeder körperlichen Unpässlichkeit müsse man ein Medikament einnehmen. An der Stelle vermisse ich ein deutliches Wort gegen die Strategien der Krankenversicherungen, teure Arzt- und Medikamentenkosten zu vergüten, aber vorbeugende Maßnahmen wie z.B. Gymnastik nicht.
Dass Grams entschieden und vehement gegen Impfgegner vorgeht und deren irrationale Aufklärungsresistenz beklagt, verdient Hochachtung! Zumal sie sehr differenziert argumentiert (139f). Ich bewundere die Geduld der Autorin, auch die abseitigsten Theorien und Therapien (209ff) gründlich zu untersuchen. Bei den Entspannungsverfahren vermisse ich das autogene Training, das mir und meiner Frau seit 1968 unschätzbare Einschlafdienste leistet.
Allerdings wäre es auch nützlich, wenn auch den Kassenpatienten ein Einblick in die Abrechnung ihres Arztes verschafft würde, zum einen, um ihnen zu spiegeln, wie hoch ihre Arztbesuche die Allgemeinheit belasten, und zum andern, um eine Kontrollchance zu haben. Als Selbstzahler macht man gelegentlich in Arztrechnungen irritierende Entdeckungen.
Ich würde mir wünschen, dass auch andere "Missbildungen" vor allem im Erwachsenenbildungsbereich durch selbst ernannte Fachleute (ohne Qualifikation) ähnlich klar, überzeugend und anschaulich einer längst fälligen kritischen Prüfung unterzogen würden. Dieser Aufklärung wünsche ich ebenso viele Leser*innen wie Erfolg!