Johannes V. Jensen: HimmerlandsGeschichten. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser-Mühlecker, Berlin: Guggolz 2020, Ln., 235 Seiten, ISBN 978-3-945370-24-7, 22 Euro

Dem kleinen Verlag gebührt ein großes Lob dafür, dass er eine 1904 erschienene Geschichtensammlung des vor 70 Jahren verstorbenen Nobelpreisträgers in einer neuen Übersetzung der Vergessenheit entrissen hat. Die Geschichten aus einer ländlichen Region Dänemarks - so vermutet das Nachwort (231) - schöpfen aus Erlebnissen des Jungen Johannes zusammen mit seinem Vater, der als Tierarzt bei seinen Besuchen sicher die unterschiedlichsten Typen, Beziehungen und Szenen erlebt hat.
Man muss schon ein aufmerksamer Leser sein, um die Verbindung zwischen der ersten und letzten Erzählung wahrzunehmen; die alte Schmiede-Kirsten, die zu Beginn von dem stillen Mogens (5ff) erzählt, wird zum Schluss als Tote im Sarg durch ein fürchterliches Unwetter mit hohen Schneeverwehungen von ihrem Verwandten Christen Sörensen von der Anstalt in Aalborg im Leiterwagen nach Graabölle gebracht (193ff), unter Gefahr für Leib und Leben für diesen und seinen Knecht Anders Nielsen.
Schon in diesen beiden Geschichten fällt die zupackende und schnörkellose Sprache des Erzählers auf, der kaum persönliche Anteilnahme verrät und sich auf die Geschehnisse beschränkt, die es mitzuteilen gilt. Allerdings ist er auch ein scharfer Beobachter, der treffende Vergleiche nutzt.
Drollig und rührend zugleich sind zwei Geschichten: eine, in der Silvesterscherze wundervoll zur Heiterkeit des ganzen Dorfes Keldby beitragen (97ff); die andere, die von einer Frau (169ff) erzählt, die mit ihrer einzigen Kuh auf den Markt kommt, damit diese ein wenig Abwechslung hat (173).
Grandios gelingt Jensen die Charakterschilderung eines behinderten Landstreichers, Wohnungslosen und Gelegenheitsarbeiters, der über enorme Körperkraft verfügt (159ff).
Und anrührend und erschütternd mutet Der Goldgräber (117ff) an. Anders Ericson trifft nach 29 Jahren seinen Vater Lavst; die Geschichte referiert, welche vergeblichen Anstrengungen dieser unternommen hat, um sich mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in ärmlichsten Verhältnissen durchzubringen. Die Dorfbewohner lehnen ihn ab, teils aus Neid, teils wegen seines aufbrausenden Temperaments, und so verschwindet er; seine Frau stirbt wenig später an Unterernährung und der kleine Sohn Anders kommt in Pflege und macht eine Tischlerlehre. Es kommt nach 29 Jahren zu keiner Aussöhnung. Und der Vater geht wieder in die weiten Prärien und endlosen Wälder (133).
Die 12 Geschichten, die jede für sich Kopfkino anregen und eine lebendige Dorfgemeinschaft auferstehen lassen, in der eine Tierschau weit und breit Aufsehen und einen Menschenauflauf auslöst (23ff), dürften gerade wegen der zurückhaltenden distanzierten Sprache die Vorstellungskraft und Einfühlung beim Lesen anregen.
In einem Anhang versammeln sich Anmerkungen (209ff), die eigentlich Worterklärungen enthalten, die editorische Notiz des Übersetzers (223ff), die gelegentliche Übersetzer-Interpretationen erklärt, und ein kommentierendes Nachwort (227ff), das einen sprachlichen und inhaltlichen Zugang zu den Geschichten versucht.
Da die Geschichten inhaltlich nicht zusammenhängen, kann man sie auch einzeln und von der Neugier durch die Titel angeregt aufnehmen. Das Buch eignet sich also hervorragend als Bettlektüre. Alle ambitionierten Leser*innen jenseits der Grundschule werden die Geschichten mit Spannung lesen; sie laden auch zum Vorlesen ein!