Christiane Florin: Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben, München: Kösel 2020, kart., 176 Seiten, ISBN 978-3-466-37255-3, 20 Euro

Die mehr als ironisch-distanzierende Einstimmung weckt zweifellos zwiespältige Emotionen. Man könnte diesen Text (7ff) auch als moderne Fabel oder Parabel lesen. Das kann man aber nur, wenn man ein Mindestmaß von christlicher Bildung besitzt. Realsatire und Selbstironie zu erspüren (10), setzt Florin vor allem bei ihren Leserinnen voraus. Dass man in der Kirche bleibt, damit die Kritik nicht vollends verstummt, vermisse ich in ihren Überlegungen. Allerdings ist das unausgesprochen der rote Faden, der das Buch zusammenhält. Befremdlich finde ich, dass Glauben nur einen geringen Stellenwert einzunehmen scheint (17); ich stimme der Autorin zu: an eine heilige Kirche glaube ich ebenfalls nicht (170).
Zwei entscheidende Aussagen gehen mir nach, die ich in dieser Klarheit vor der Lektüre nicht im Blick hatte: als Mitglied dieser Kirche bin ich an ihren Verbrechen mitschuldig (21; 76; 165), und Scham oder Verzeihungsbitte können nicht die persönliche Schuld kompensieren (37); und auch mich schockiert es, dass niemand in der Kirchenhierarchie die persönliche Verantwortung für den Missbrauchskandal übernimmt. Auch dass Täter nicht selbstverständlich der staatlichen Gerichtsbarkeit überantwortet werden.
Ihre wichtigsten Angriffspunkte gegen die katholische Institution sind der bereits gut 30 Jahre bekannte sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Kleriker verschiedener Hierarchieebenen, den sie erst nach 2010 entschlossen verurteilt, und die Diskriminierung der Frau durch die Institution.
Am lesenswertesten unter den 10 Kapiteln finde ich das fünfte, das Macht in der Kirche auch soziologisch und philosophisch unter die Lupe nimmt (88f). Wie subtil diese in der Kirche wirkt – bis in den vorauseilenden Gehorsam hinein – vermag Florin überzeugend zu veranschaulichen (95ff). Auch die verhängnisvolle Wirkung der kirchlichen Sexualmoral (114ff). Und der Diskriminierung der Frau! (128ff).
Besonders unterhaltsam empfinde ich Überlegungen zur katholischen Streitkultur (143ff). Ich bezweifle, dass es auf diesem Feld ökumenische Unterschiede gibt. Wenn Symmetrie oder gleiche Augenhöhe fehlt, kann es kein Gespräch geben (146). Florins Streitkulturregeln (158) überzeugen mich. Man könnte sie durch Pörksen/Schulz von Thun ergänzen[1]
Ihr Abschlussresümme: Die katholische Kirche hat die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen zum Kernbestand des Glaubens erklärt und damit das Evangelium verraten (166). Das rüttelt hoffentlich nicht nur mich auf.
Literatur am Ende weist die Titel nach, auf die der Text Bezug nimmt, und erweitert die Liste für den interessierten Blick.
Als Mann, evangelisch, und seit 52 Jahren mit einer katholischen Theologin verheiratet, bin ich schon seit Jahren am Weg der christlichen Konfessionen interessiert.
Ich bin beeindruckt von dieser klaren und unmissverständlichen Abrechnung mit einer zunehmend anachronistischen Institution, die vorgibt, christliche Botschaft zu verkünden. Das Buch ist allen Christ*innen zur Lektüre ans Herz zu legen!



[1] Bernhard Pörksen/Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens.Über den Dialog in Gesellschaft und Politik, München: Hanser 2020