Sasha Filipenko: Rote Kreuze. Roman. Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Zürich: Diogenes 2020, hc., 282 Seiten, ISBN 978-3-257-07124-5, 22 Euro

Ein Umzug in eine neue Wohnung in Minsk würfelt gleichsam Nachbarn zusammen und stiftet Beziehung: den dreißigjährigen Sascha, der die erste Nacht in seiner leeren Wohnung im Schlafsack verbringt, die über 90jährige Tatjana Alexejewna, die langsam ihr Gedächtnis verliert und ihre Demenz als geschickte Taktik Gottes deutet, sich vor ihren erwartbaren und begründeten Attacken zu schützen, und etwas später die Nachbarin Lera (201) von der Wohnung unten im Haus, die sich anbietet, während Saschas etwaiger Abwesenheit seine kleine Tochter Lara zu betreuen. Lera und Sascha kommen einander näher (242ff).
Die Hartnäckigkeit Tatjanas führt letztlich dazu, dass Sascha und sie einander näherkommen und ihre gegenseitige traumatische Vergangenheit kennenlernen. Symbol der Demenz und der Mitmenschlichkeit sind Rote Kreuze.
Die Faszination der Lektüre beruht unter anderem darauf, dass zunächst die ablehnende Reaktion Saschas auf Tatjana – der Situation geschuldet – in Interesse und schließlich von beiden Seiten in gegenseitige freundschaftliche und empathische Gefühle mündet.
Das Schicksal Tatjanas – mit Unterbrechungen aufgehellt – spiegelt die unmenschliche Willkür der sowjetrussischen "Gerechtigkeit" unter Stalin, an der nur psychisch starke Menschen wie Tatjana – trotz 15-jähriger Lagerhaft – nicht zerbrechen. Obwohl diese Willkür, wie der Roman Zug um Zug enthüllt, Tatjanas Mädchen Assja im Heim verhungern lässt (238) und ihren Mann Alexej Pawkow erschießt (239f), weil er als Kriegsgefangener mit dem Feind kollaboriert und damit Verrat begangen hat (167).
Starke Szenen des Romans sind das Verhör durch Kommissar Kawokin (160ff), das der Lagerhaft Tatjanas vorausgeht, und die Auseinandersetzung Saschas mit seinem Vater, warum seine kleine Tochter Lisa so außergewöhnlich gerettet werden soll (142ff). Besonders abstoßend wirkt das bigotte Gerede des Stiefvaters im Gegensatz zur menschlichen Reaktion des Priesters.
Vorausgegangen ist eine lange Zeit, während der Saschas Frau Lana künstlich am Leben gehalten wird, um die gemeinsame Tochter Lisa zu retten (138ff). Sein Freund und Arzt Maxim, der Saschas Frau während ihrer unheilbaren Krebserkrankung behandelt hat, hat dieses Verfahren mit ihrer Einwilligung zur Rettung der kleinen Lisa durchgesetzt.
Widerlich wirkt auf mich die Reaktion der Umgebung auf diesen Tod und nachvollziehbar, wie Sascha sie erlebt (141).
Nicht nur die Dokumente der Menschenverachtung, der ergebnislosen Kontaktversuche des Internationalen Roten Kreuzes mit den russischen Behörden, die in den Roman einfließen, die vergeblichen Angebote zum Gefangenenaustausch durch die Krieg führenden Staaten, sondern auch die tiefen Einblicke in menschliche Abgründe, strukturellen Zynismus und durch Entwürdigung immunisierte Stärke und Konsequenz summieren sich zu einem beispielhaften Dokument der Moralität. Die Gewissensskrupel, die Tatjana letztendlich lebendig erhalten, nötigen Bewunderung ab. Und zugleich sendet der Roman ein Zeichen der Hoffnung.
Gerade jetzt ist die Lektüre für jeden und jede jenseits der Grundschule nachdrücklich zu empfehlen.