Jürgen Wingchen: Mobbing. Was uns am Arbeitsplatz krank macht, Idstein: Schulz-Kirchner 2020 (= Vario Wissen), brosch., 76 Seiten, ISBN 978-3-8248-1255-4

Ein handliches Nachschlagewerk, so scheint es, dem man getrost vertrauen kann. Indes: Bereits der Abschluss des Textteils Ihr Mobbing-Wissen (70f) ruft mein Misstrauen wach; die aufgezählten Kompetenzen sind so allgemein oder so theoretisch, dass sie sich für eine Prüfungsevaluation, aber kaum für eine praktische und konstruktive Handlungsweise in einem konkreten Mobbingfall eignen dürften. Zudem wundere ich mich über die simple 1:1-Vorstellung über das Lernen. Ich kann im ganzen Buch kein einziges überzeugendes Fallbeispiel finden, das die Strategie des Mobbens oder eine brauchbare Gegenstrategie anschaulich macht. Es bleibt alles in Beschreibungen und ggf. indirekter Rede stecken. Zudem will mir nicht einleuchten, was ein Betroffener oder eine Betroffene mit Fachausdrücken wie dispositionaler oder situationsspezifischer Attribution (13) anfängt.
Außerdem werden die Forschungsergebnisse des hochgerühmten Gewährsmannes Philipp Zimbardo von Rutger Bregmann überzeugend widerlegt[1]. Bregmanns Buch ist zur Lektüre wirklich zu empfehlen!
Die allgemeinen Fakten sind brav erläutert und schulgerecht differenziert:
Strategien des Mobbing (17ff), Formen und Risiken (27ff), Phasenverläufe (35ff),
Bewältigungsstrategien (41ff), die Kosten (45f), die Ursachen (47ff); und zum Schluss legt das Buch eine Typologie der an Mobbing beteiligten Menschen vor, die mit Tieranalogien arbeitet und Banalitäten enthält, die jede(r) auch ohne die Lektüre intuitiv aus dem eigenen Erlebnis abzuleiten vermag.
Ein ausführliches Quellenverzeichnis (72ff) beschließt das Buch, ohne dass ein Hinweis im Text erkennbar wäre, welches Hilfsmittel gegen Mobbing dem/der Betroffenen wirklich zu helfen vermag. Die Seite: Ansprechpartner gegen Mobbing (69) wird im Text mit keinem Wort vorbereitet oder erläutert.

Kurz: wer sich Hilfe in einer eigenen belastenden Mobbing-Situation erhofft, wird das Buch schon nach wenigen Seiten enttäuscht beiseite legen. Vielleicht nutzt es einem Therapeuten oder einem Sozialarbeiter, der in der Mobbing-Beratung nach Kategorien oder Statistiken sucht. Aber auch der/die wird sich auf die Ebene des Studierenden versetzt fühlen, wenn er/sie liest, was sie/er durch das Buch nun alles gelernt hat.

 



[1] vgl. Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg 2020, S. 167ff