Peter Bürger: Oscar Romero, die synodale Kirche und Abgründe des Klerikalismus. Zum 40. Todestag des Lebenszeugen aus El Salvador, Norderstedt: BoD 2020 (= edition pace 9), brosch., 112 Seiten, ISBN 978-3-7504-9377-3

Wieder ein Büchlein, dem ich weite Verbreitung wünsche. Autor: ein engagierter Christ, der wie ich zunehmend an seiner Kirche leidet. Und umso wichtiger ist sein Beitrag: er klärt auf und geht Missverständnissen und Halbwahrheiten auf den Grund. Dabei bemüht er sich ebenso um Verständlichkeit wie um Verlässlichkeit bei der Sicherung von Fakten.
Und bei welchem schon zu Lebzeiten umstrittenen und bewunderten Märtyrer der jüngeren Geschichte wäre dies wichtiger als bei Erzbischof San Oskar Arnulfo Romero.
Das Büchlein ist in drei Teile gegliedert: der erste Teil (9ff) zeichnet den Weg bis zu seiner Heiligsprechung, der zweite (31ff) charakterisiert seine innerkirchlichen Gegenspieler und der dritte (73ff) dokumentiert seine wichtigsten Botschaften.
Es ist beklemmend zu lesen, wie der Vatikan unter Papst Johannes Paul II und Benedikt XVI die verdiente Heiligsprechung, die das christliche Volk San Salvadors unmittelbar nach seiner Ermordung ausgerufen hat, unter dem Einfluss seiner bischöflichen Gegner und Verleumder verschleppt hat.
Bis auf eine Ausnahme haben alle Teilnehmer der Salvadorianischen Bischofskonferenz und auch der päpstliche Nuntius Erzbischof Romero als Marxisten bezeichnet und ihn entmachten wollen.
Er war ein Unruhestifter und das fleischgewordene schlechte Gewissen für seine "Amtsbrüder", die ihn durch ihre Nähe zu einem Verbrecherregime der Ermordung geradezu auslieferten.
Bürger zeichnet überzeugend nach, wie bereits die Bekehrung des Erzbischofs durch die Ermordung seines Freundes Rutilio Grande für Aufruhr und Empörung sorgt, seine Nähe zum Volk und seine Überzeugung, dass bei den Armen und Unterdrückten sein Platz sei und die Kirche für diese ihre Stimme erheben müsse, um diesen Sprachlosen eine Stimme geben, ihn zum erklärten Gegner des reichen Establishment von San Salvador stempeln.
Die klaren Worte, die Bürger über die offene Feindschaft der einzelnen, namentlich genannten Bischöfe der salvadorianischen Bischofskonferenz (32ff) findet, sind ebenso abstoßend wie erschreckend. Namentlich, wenn er glaubhaft macht, dass Priester und Seelsorger, denen die öffentliche Hetzkampagne galt, zum Abschuss freigegeben waren (sei Patriot, schlag einen Pfaffen tot, 51).
Der apostolische Nuntius in El Salvador und Guatemala, ebenso wie Kirchenfürsten von Guatemala, Argentinien und der Präfekt der Bischofskongregation im Vatikan planen sogar eine Amtsenthebung kurz vor dem Mord.
Nachweislich bemühte sich der Vatikan sogar um eine Verhinderung der geplanten Ehrenpromotion an der Washingtoner Georgetown-Universität.
Auch nach der Ermordung bemühten sich die Päpste um Maßregelungen und Sanktionen gegen Vertreter der Befreiungstheologie. Erst Papst Franziskus hat die schon 1980 durch das Volk erfolgte Heiligsprechung bestätigt und zu seinem persönlichen Anliegen gemacht.
In der Sammlung der Zitate aus Romeros Predigten und aus Zeugnissen über ihn sticht besonders die Sammlung über eine Kirche, die sich zum Evangelium bekehrt, heraus (77ff). Ebenso eindrucksvoll liest sich die Zitatsammlung zum Lehramt der Armen (82ff). Darunter das fast prophetische Wort, dass nach Tilgung aller Verkündigung jeder Botschafter und Prophet sein muss (84).
Das Büchlein beschließt ein beeindruckendes Literatur- und Medienverzeichnis (100ff) mit einem Überblick zur deutschsprachigen Literatur.
Man kann dieses kleine Buch jedem engagierten und kritischen Christen nur dringend ans Herz legen; der große Heilige San Oscar Arnulfo Romero erlebt gleichsam eine Auferstehung in den leidenschaftlichen Worten des Autors.