Johannes Lähnemann: Begegnung – Verständigung – Kooperation. Interreligiöse Arbeit vor Ort – Erfahrungen und Perspektiven aus Nürnberg, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020 (= V&R unipress), hc., 132 Seiten, ISBN 978-3-8471-1112-2, 28 Euro

Ein schmaler Band, der es in sich hat: randvoll mit Anregungen und hilfreichen Überlegungen zum interreligiösen Dialog.
Johannes (seit dem gemeinsamen Studium fühl ich mich ihm freundschaftlich verbunden) ist seit über 40 Jahren aus religionspädagogischer und friedenspolitischer Ambition eine Triebfeder dieses Dialogs in Nürnberg und weltweit. Zu seinen Initiativen wurde er lange vor dem Flüchtlingsproblem angeregt; der Band dokumentiert eine 30-jährige Entwicklung und gleichzeitig eine Staunen erregende und sensible Erfahrung, die eigentlich verdient, in jeder Kommune Nachahmer*innen zu finden.
Die Gruppe, von ihm initiiert, seit 1988 aktiv, nennt sich Religionen für den Frieden, ist angebunden an die internationale Bewegung Religions vor Peace und bemüht sich in hunderten von Zusammenkünften mit Vertretern anderer Religionen um Verständigung und friedliche Kooperation. Schade, dass trotz eines namhaften Druckkostenzuschuss' (8) so teuer kalkuliert werden musste! Immerhin ist der Band musterhaft lektoriert (misslich 52: sehen statt stehen!).
Lähnemann selbst erläutert die Triebfedern seiner Dialog-Aktion (13ff). Sein Motto von Anfang an: "Global denken, lokal handeln" war und blieb wichtig (19).
Wichtig war die Idee eines Stadtführers "Offene Türen" – mittlerweile in der 5. Aufl. enthält er 50 verschiedene konfessionelle Gemeinschaften in der Nürnberger Region (81f). Besuche und Kontaktpersonen prägen ebenso wie ökumenische und interreligiöse Pluralität (22ff). Einer Vielfalt religiösen Lebens begegnen in Gebeten und Andachtsräumen – das prägt auch den Erfahrungshintergrund der Studenten der Religionspädagogik (26ff). Neben den Beschreibungen geben auch die Fotos einen anschaulichen Eindruck (34ff; 76ff; 111ff).
Die Sensibilität und Empathie für den interreligiösen Dialog als Bereich für Problem und Hoffnung gleichermaßen eröffnet das dritte Kapitel, das beispielorientiert und bodenständig auf der Grundlage des Küngschen Weltethos Aktionen beschreibt (39ff).
Ganz begeistert hat mich, der ich seit zwei Jahren in einer Arbeitsgemeinschaft von Pax Christi mich für den christlich-muslimischen Dialog engagiere, die Idee einer Symbolsammlung jeder religiösen Gruppe zur Veranschaulichung und Repräsentanz einer Gebetsgemeinschaft (42ff). Hilfreich für die Vergewisserung der eigenen religiösen Grundlagen finde ich den Fragen-Leitfaden (45f). Solche Fragen konnten nur auf dem Hintergrund jährlicher Thematiken für den Dialog wachsen. Auch verbindende und kontroverse Themen werden im Lauf solcher Dialoge wichtig. Zentral wird hier zwischen Christentum und Islam die Gottesfrage (50ff). Immer wieder wird die Sicherheit der eigenen Glaubens-Position betont als Basis für den fruchtbaren Dialog. Auch Buddhismus und Christentum werden beispielhaft durch das Glaubensbekenntnis im Kontrast zu zentralen buddhistischen Aussagen anschaulich (56ff).
Das Problem-Thema Gewalt wird gleichsam von außen diktiert: Jugendliche trugen T-Shirts mit der Aufschrift "terrorism has no religion!" (64) und bestimmten so das Gebetsthema für 2011 (64ff).
Faszinierend finde ich, wie überzeugend Johannes Lähnemann seine Erfahrung aus internationalen Tagungen in Nürnberg einbringt. Ohne seine Bedeutung besonders herauszuheben. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, den Blick für die Vielfalt religiöser Kulturen vor allem im Religionsunterricht zu verankern, um interreligiöse Toleranz und Offenheit zu ermöglichen. Nicht zuletzt seiner Beharrlichkeit ist die Einrichtung islamischen Religionsunterrichts in Bayern zu verdanken (71f).
Von 1982-2007 verantwortete sein Lehrstuhl interreligiöse Foren, die im Dreijahresabstand jeweils für eine Woche weltweite Kulturbegegnung ermöglichten (72f), die auch beispielhaft Lernfortschritte bewirkten (73ff).
Eindrucksvolle Ergebnisse begleiten die interreligiöse Kooperation in Nürnberg (83f): ein Aufruf von 2003 gegen den drohenden Irakkrieg belegt das überzeugend.
Als Triebfedern bewähren sich der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und das Projekt Weltethos (85), deren Verpflichtungen Johannes auf die Belange der Schulen herunterbricht (86f).
Besonders anschaulich während der interreligiösen Gebete wird der spirituelle Reichtum der beteiligten Gruppen, besonders wirksam in der Flüchtlingsfrage, wie sich aus einer 1993 entstandenen Nürnberger Erklärung ergibt, die sich der Runde Tisch der Religionen in Deutschland 2016 zueigen gemacht hat (93ff).
Schließlich spürt das Büchlein der Bedeutung der Religionen für die Zivilgesellschaft nach, zunächst mit einem historischen Rückblick, dann durch institutionelle Verankerung seit 2016 (102ff) und dessen öffentliche Wirkung bis hin zur Stadt der Menschenrechte (107ff).
Den Abschluss bildet eine beeindruckende Chronik, die die vielfältigen Aktivitäten und Kampagnen auf dem Weg zur festen Gruppenbildung der Religionen für den Frieden in Nürnberg seit 1988 dokumentiert (115ff). Ein Namensregister schließt sich an (129ff).
Ganz sicher vermag das Bändchen Anregungen und Inspirationen zu geben auf dem Weg zu Begegnung, Verständigung und Kooperation der Religionen, auf dem der Autor mutmachend vorausgegangen ist, für Nachahmer*innen in anderen Regionen Deutschlands. Es ist zu hoffen, dass der Funke überspringt. Zündstoff genug enthält die Lektüre!