Lutz Seiler: Stern 111. Roman, Berlin: Suhrkamp 2020, hc., 530 Seiten, ISBN 978-3-518-42925-9, 24 Euro

Das Psychogramm eines jungen Mannes, der sich als Dichter fühlt, aber eigentlich ein Versager bleibt, vor allem im Kontrast zu dem Gegenmodell, das ihm seine Eltern bieten und ihn bis zum Schluss schamvoll empfinden lässt, wie vergammelt sich sein Leben auf der Folie ihres Entwurfs anfühlt. Soweit in Kurzform der Inhalt des Buches.
Diese Odyssee der Eltern – von einem jahrzehntelangen klaren Ziel beseelt – und Carls Hippie-Existenz im Osten Berlins spielt sich vor dem Hintergrund der Nachwendezeit ab, immer unterbrochen von Erinnerungen an die Kindheit in Gera. Der Radioempfänger, der diese Kindheit begleitet und ihm schließlich sogar im Traum begegnet (488ff), ist auf dem Schutzumschlag des Romans abgebildet und stiftet den Titel des Romans. Erwähnung findet er erst ganz nebenbei in einem Brief der Mutter (340). Bezeichnenderweise bevor Carl sich entschließt, seinen wahren Aufenthalt den Eltern mitzuteilen (346f).
Ob der Autor, der ja auch in Gera geboren ist, Phasen oder Segmente, Motive seiner Erzählung aus seiner eigenen Lebensgeschichte bezogen hat?
Das Buch beginnt damit, dass Carl durch ein Telegramm nach Gera gerufen wird; seine Eltern bitten ihn, das Haus zu verwalten. Sie wollen in den Westen und sich nach Gießen – der Aufnahmeeinrichtung – trennen, um jeweils mit eigener Perspektive wenig später zusammen zu finden.
Die einzige Verbindung zwischen Carl und den Eltern, der Mutter Inge und dem Vater Walter, bilden Briefe, die die Mutter ihm schreibt. Seine Antwortbriefe bilden ein Lügengebäude angeblich aus Gera, während er mit dem russischen Wagen seines Vaters, einem Shiguli, im Berliner Osten herumfährt. Völlig betrunken und ausgekühlt wird er aus einem Club gewaltsam entfernt und liegt zitternd hinter einem Szene-Kino, von wo ihn eine entschlossene Frau in das kluge Rudel (62) einführt. Eine Hausbesetzer-Szene (149), wie sich nach und nach herausstellt, mit klarer Hierarchie, in die er sich als Maurer, als der er sich einführt, bewährt und gut integrieren kann. Dass er Student war und sich an Lyrik versucht, behält er für sich.
Er verdient sein Geld durch Schwarztaxi-Fahrten (175) mit seinem Shiguli, obwohl sein Orientierungsvermögen mehr als mangelhaft ist.
Man verbündet sich mit anderen Hausbesetzergruppen (226ff) und gründet schließlich ein Café, das sich zu einem Bistro mausert (300f) und der ganzen Gruppe einen finanziellen Hintergrund bietet.
Später steigt er sogar zum Chef auf, als der Hirte alias Hoffi bei einer polizeilichen Räumungsaktion körperlich so schwer beeinträchtigt wird, dass er lange Zeit nur dahinzuvegetieren scheint (309ff).
Anlässlich einer Kunstausstellung trifft Carl seine Jugendfreundin Effi (181), eigentlich Ilonka Kalász aus Gera, der er sich bis zum Schluss in Liebe verbunden fühlt, die ihn jedoch sehr zwiespältig und widersprüchlich behandelt. Freddy, Effis kleiner Junge, hängt sich an Carl und verursacht heiße Vatergefühle (256; 267; 317; 364f).
Das eigentlich reizvolle Element dieses geradezu ausschweifend erzählten Romans besteht in den vielfältigen Reflexionen auf Wörter und sprachliche Wendungen, die gleichsam neu und kursiv im Text auftauchen. Teilweise stehen sie mit Erinnerung und Identifikation in Verbindung. So assoziiert Carl mit Effi bis zum Schluss (294f; 507) gut gelaunt, während er sich alt und unbeholfen neben ihr vorkommt (295; 353).  Besonders einprägsam scheinen mir Metaphern wie "das beständige Rumoren der Sorge" (285). Oder Sprüche der Mutter: Wo bist du nur mit deinen Gedanken? (453) Oder Mutters Fremdwörter (159). Oder Andeutungen, die bald erklärt würden (392). Oder Prägungen wie Sprichworte: Sorgfalt und Selbstständigkeit sind Formen des Widerstands (397). Oder Gedankenlosigkeit Carls: den Lebensweg der Eltern (446) betreffend.
Das Buch ist in neun Teile gegliedert, jeweils mit kurzen Kapiteln. Teilweise markieren sie Zeit- oder Ortswechsel (III, 91ff; VIII, 391ff), wobei in allen Teilen der perspektivische Schwerpunkt auf Carls innerem und äußerem Erleben liegt. Allerdings bleibt Seiler seinem perspektivischen Erzählen mit einem leichten Hauch von Ironie treu. Nur der Epilog (501ff) basiert auf einem fiktiven Bericht. Der kurze Dank (525) enthält auch Nachweise, und das Inhaltsverzeichnis (526ff) ermöglicht auch ein neugiergeleitetes Stöbern
Nicht jeder wird Lutz Seilers Erzählweise mögen. Aber die besondere Art, sich der Sprache zu vergewissern und gegebenenfalls die eigene Ausdrucksentscheidung zu reflektieren (150; 160; 174f u.ö.), nimmt Leser und Leserin beinahe zwanghaft in Beschlag und nötigt zur Selbstreflexion.