Bruno Kern: Das Märchen vom grünen Wachstum. Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft, Zürich: Rotpunktverlag 2019, kart., 240 Seiten, ISBN 978-3-85869-847-6, 15 Euro

Eine ebenso faszinierende wie mühsame Lektüre. Wenigstens für mich, der ich mit wirtschaftlichen Theorien meine Schwierigkeiten habe. 7 Kapitel, die jeweils durch eine dunkelgraue Seite auch von außen identifiziert werden können, gliedern die Ausführungen.
Fasziniert hat mich die rückhaltlose Ehrlichkeit, mit der jede aktuelle Entscheidung, die vorgibt, ökologisch, nachhaltig und klimafreundlich zu sein, entlarvt wird als blau- oder einäugig.
Klar ist: sowohl unsere hochindustrialisierte Gesellschaft als auch das Prinzip beständigen Wachstums – einschließlich der Unternehmens-Profite – sind in ihrer derzeitigen Tendenz verhängnisvoll; und dies aus zweierlei Gründen:
Zum einen beuten wir - die Industrienationen - völlig ungehemmt Ressourcen aus, die sich nachweislich erschöpfen, und betrügen damit die Länder, aus denen wir die Ressourcen beziehen, und ihre Bewohner um ihre rechtmäßigen Einnahmequellen;
zum anderen überdehnen wir unseren Konsum von Erzeugnissen, die unter unverantwortlichem Aufwand von Wasser, Boden und Energie produziert worden sind, in gewissenloser Weise. In diesem Zusammenhang gehört unsere hoch subventionierte Landwirtschaft, die nur durch ein hohes Maß an Chemikalien und Gülle Fleisch, Milch und Getreide - möglichst billig - produzieren kann. Schließlich produzieren wir Berge von Müll, die inzwischen nicht nur Flüsse, sondern auch die Meere vergiften – mit kaum vorhersehbaren Gesundheitsrisiken für uns. Verhungern doch Seevögel, weil sie mit Plastikmüll ihre Mägen füllen und daher verhungern.
Weder auf den Naturkreislauf der Äcker noch auf natürliche Bedürfnisse der Nutztiere, geschweige auf Klima, auf globale Abhängigkeiten, auf die Reinhaltung des Grundwassers wird angemessen Rücksicht genommen.
Mit Nachdruck wird klargestellt, dass sowohl Wind- als auch Sonnenenergie niemals den Energiehunger unserer gegenwärtigen Wirtschaft und Gesellschaft rentabel wird stillen können. Zumal die Kosten für Grundstoffe und Klima bei der Herstellung von Windrädern und Sonnenkollektoren die Energieausbeute sich niemals wirklich rentieren. Mir hat die kritische Auseinandersetzung mit Karl Marx (184ff) geholfen, dessen theoretischen Ansatz und gedanklichen Hintergrund zu verstehen
Kern ist sich darüber klar, dass sein Fazit wenig Begeisterung auslösen dürfte; und er hat insofern allen Grund, Unterstützung von einer einsichtigen und zahlenmäßig wirksamen Gruppe zu erhoffen. Nur eine radikale Verringerung unserer Ansprüche an Konsum, Mobilität und Energie, verbunden mit einem entschlossenen Rückbau unserer derzeitigen hochgezüchteten Industrie, kann uns vor einem Untergang bewahren.
Es ehrt ihn, dass er eine möglichst breite gesellschaftliche Mitwirkung anstrebt und auch eine Aufhebung von Subventionen anmahnt, die nur Reichen zu mehr Reichtum verhelfen. Er hofft langfristig auf eine Reduzierung der gegenwärtig immer weiter auseinanderdriftenden Distanz zwischen Reich und Arm.
Leider vermisse ich bei dieser utopischen Vision von Ökosozialismus konkrete Vorschläge, wie sie etwa Niko Paech vorstellt und in Oldenburg realisiert. Zugegebenermaßen bleibt Konsumskritik, die in den Schlussthesen (208ff) eine wichtige Rolle spielen, an der Oberfläche des Problems; Kern empfiehlt, beim Flugverkehr und Fleischkonsum mit dem Verzicht anzusetzen, um wenigstens im Interesse des Klimawandels weiterzukommen.
Auch könnte ich mir eine kritische Auseinandersetzung mit Schubumkehr[1] im Rahmen dieses Buches gut vorstellen; aber diesen Titel vermisse ich in den Literaturhinweisen, die fatalerweise nicht alphabetisch geordnet und somit mühsam aus den essayistischen Kommentaren (232ff) zu den Kapiteln herausgesucht werden müssen. Das Personenregister (235f) erinnert an die Belegautoren, deren Forschung die Aussagen des Buches stützen.
Es ist sicher wichtig, dass viele Gebildete und über weltweite Zusammenhänge Informierte, verantwortungsbewusste Zeitgenossen sich mit diesem Buch auseinandersetzen. Es zerstört überzeugend viele Illusionen und mobilisiert hoffentlich viele Gleichgesinnte zu Aktionen des Konsumsverzichts und aufklärender Diskussionen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Dass es zu einer radikalen Änderung unserer Lebensweise keine vernünftige Alternative gibt, und dass wir alle nur dann klug handeln, wenn wir uns auf das beschränken, was wir wirklich zum Leben brauchen, weil wir sonst die Existenz unserer Spezies gefährden, das vermittelt dieses kleine Buch in beispielhafter Deutlichkeit.



[1] Stephan Rammler: Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität, Fischer TaBu 2015