Delphine de Vigan: Dankbarkeiten. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Köln: DuMont 2020, hc., 173 Seiten, ISBN 978-3-8321-8112-3, 20 Euro

Ein zauberhaftes Buch, das mich zum Weinen und zum Lachen brachte. Es geht um eine alte Frau, Michka, deren Alterungsprozess das Buch in Etappen nicht nur verstehen sondern nachvollziehen lässt. Man kann sich dem Kopfkino, in das man mit sanfter Gewalt komplimentiert wird, nicht entziehen.
Zwei junge Menschen besuchen sie regelmäßig und nehmen an den Höhen und Tiefen ihres Lebens Anteil. Marie pflegt gleichsam ein Tochterverhältnis zu ihr, das in wenigen traumähnlichen Rückblenden näher erklärt wird. Michka - so lässt sie sich gern nennen - oder Frau Seld, so nennen sie andere, kommt zu Beginn des Romans in ein Altenpflegeheim. Sie leidet unter einer fortschreitenden Aphasie. Das ist der Grund für einen jungen Logopäden, Jérôme, sie dienstags und donnerstags in diesem Heim zu besuchen und den sprachlichen Verfallsprozess womöglich aufzuhalten. Teile des Romans werden aus der Perspektive von Marie, andere aus der von Jérôme erzählt. Schauplatz bleibt immer das Zimmer im Heim, das aus Anlass der ersten Begegnung von Marie betrachtet wird und Anlass für Überlegungen über Regeln bietet (29ff).
Extrem sparsam sind die Gedanken der Betroffenen in erlebter Rede (28 + 128). Allerdings wird die Sparsamkeit durch Albträume kompensiert, die beim Lesen die Nackenhaare sich sträuben lassen (19ff + 118ff): ein gespenstisches Dokument der Unmenschlichkeit.  Gut, dass das echte Aufnahmegespräch – ein Kontrast zum Albtraum – einfühlsam abläuft (24ff).
Sympathisch empfinde ich den Übergang der Vorüberlegungen zur Dankbarkeit in die fiktive Erinnerung. Ich kann mir keinen Leser, keine Leserin vorstellen, die nicht bereits in diesem Vorwort eigene Dankbarkeiten oder versäumte Gelegenheiten zur Dankbarkeit assoziiert.
Schon in der ersten Szene wird Michkas Aphasie veranschaulicht und die Strategie, die sie dagegen entwickelt hat: für ein vergessenes Wort setzt sie ähnlich klingende Wörter. Oje steht für o.k., stöbern steht für stören (16). Ihre erstaunliche Geschicklichkeit steht offenbar im Zusammenhang mit ihrer früheren Berufstätigkeit (37). Offenbar verfügt sie über ein inneres Lexikon solcher Wörter. Sie verblüfft Jérôme damit bei einer Aufwärmübung (151).
Der Logopäde entwickelt anscheinend von Anfang an (41) eine solche Sympathie für sie (157), dass er sogar seinen Urlaub verkürzt, um ihren Herzenswunsch zu erfüllen: verspäteten Dank an ihre Lebensretter (1942-45) abzustatten (144ff).
Erst sehr spät versteht man beim Lesen, warum Michka von solchen Albträumen verfolgt wird.
Und so traurig man über ihren Tod ist, so köstlich und erheiternd wirken die Gespräche zwischen Jérôme und der hochschwangeren Marie: beide benutzen den Aphasiesprech der Gestorbenen und bringen so ihre Nähe zum Ausdruck.

Ein einfühlsam eingefangenes und unmittelbar erlebbares Drama des Alterns mit viel hintergründigem Humor, Weisheit und Verzweiflung über den unaufhaltbaren Verfallsprozess. Ein leidenschaftliches Plädoyer für menschliches Handeln und für Wertschätzung und Verständnis jedes Menschen. Unbedingt lesenswert!!!