Bernhard Pörksen/Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik, München: Hanser 2020, hc., 224 Seiten, ISBN 978-3-446-26590-5, 20 Euro

Ein sehr beeindruckendes Buch, das eine ehrwürdige antike philosophische Tradition wieder belebt: das Gespräch als Mittel zur wissenschaftlichen Erkenntnis. Damit führt es ein Muster des von ihm intendierten Erkenntnisgewinns vor - faszinierend. Ein Medien- und ein Kommunikationswissenschaftler versuchen im Gespräch auszuloten, welche Möglichkeiten der Deeskalation und Empathie die Erfahrungswissenschaft bereitstellt, um der zunehmenden Gewalt- und Hasskommunikation zu begegnen.
Ein nachdenklicher und differenzierter Artikel über den kommunikativen Klimawandel von Pörksen leitet das Buch ein. Das Ende der Demokratie steht vermeintlich bevor (10). Pörksen mahnt einen doppelten Blick an, um den einzelnen und seine persönliche Verantwortung für die kommunikative Verwilderung nicht zu vernachlässigen. Das Zeitungssterben und das Misstrauen gegenüber Medien sowie die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der Nachrichten aus aller Welt den einzelnen überschütten, bedingen eine neue Kultur der Kommunikation. Wahre Nachrichten setzen sich im Netz weniger erfolgreich durch als falsche. Doch ist dies keineswegs zwangsläufig. Pörksen plädiert für Autonomie und gegenseitige Wertschätzung bei klarer eigener Position. Vor allem mahnt er zu gelegentlichem Smartphone-Verzicht, um der Ruhe und Achtsamkeit gegen den Alltagsstress eine Chance zu geben. Er regt an, an die Stelle der Empörung Wertschätzung und Respekt in den Diskurs einzubringen. Miteinander reden und streiten ist in einer Demokratie alternativlos (39)!
In vier Kapiteln sprechen die Gesprächspartner folgende Aspekte an – in der Hoffnung, dass sie zu zweit der Wahrheit näher kommen:
I          Dynamik der Polarisierung (43ff),
II         Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs (83ff)
III        Transparenz und Skandal (126ff) und
IV        Desinformation und Manipulation.
In all diesen Aspekten bewährt sich das von Schulz von Thun entwickelte Wertequadrat (49,69, 93,130, 192 und 197), das vor allen Dingen ein kognitives Warnungsschild vor möglicher Eskalation bereitstellt. Es sucht in allen noch so abseitigen oder absurden Behauptungen einen positiven gemeinsam akzeptablen Kern, um die Ablehnung in der Sache ebenso klar wie die eigene Position zu gestalten, ohne den Gesprächspartner als Mensch abzuwerten. Hilfreich sind die immer wieder angesprochenen aktuellen Veranschaulichungen.
Klar und unmissverständlich werden unterschieden: die jeweilige Situation und die Chance für einen Dialog einzuschätzen. Immerhin ist Reden allemal besser als Schweigen (87). Empathisches Verstehen und Position beziehen oder Annähern und Abgrenzen sind die beiden Seiten eines Dialogs (90f). Dass und wo die Schwierigkeiten liegen, wird redlich und beispielreich herausgearbeitet. Auch das Risiko und das Dilemma, das in Dialogen steckt, wird deutlich (111f). Sehr schön und hilfreich finde ich den Vergleich von Handynutzung und Nahrungsaufnahme (121ff): Ein echter Dialog bedingt den situativen Verzicht auf das Smartphone.
Mediale indiskrete Ausleuchtung gefährdet u. U. den Dialog (130f). Auch hier liefern Beispiele überzeugende Nachweise (136ff). Beide Dialogpartner plädieren für eine Souveränität höherer Ordnung (142): Schwächen einzugestehen, wenn sie ohnehin publik sind, muss nicht mit dem Verlust der Achtung erkauft werden. Wir alle tragen gewissermaßen digitale Tattoos (147). Wie damit umgehen? Auch dazu bietet das Buch konkrete Beispiele (148ff). Die dilemmabewusste Strategieentwicklung (DBSE, 165) verspricht die Lösung.
Die letzte Runde des Dialogs versucht mit Lügen und falschen Kategorien umzugehen, um der Verwirrung von Propaganda nicht auf den Leim zu gehen (171f). Hilfreich finde ich die Klarstellung, dass der Konstruktivismus ohne Berücksichtigung seiner historischen Quelle missbraucht wird (177f). Die Partner bemühen sich auch um eine Entschärfung falscher Informationen im Dialog (184ff). Immer wieder bedarf es der Vergewisserung, in welcher Rolle und in welcher Situation ich was zu wem sage (190f). Diese Abwägung muss und darf sich auch auf die Selektion der Informationsaufnahme beziehen (196f).
Zum Abschluss macht die Feststellung Mut, dass ein guter Dialog als Geburtsort der Vernunft immer lohnend ist und die Grundlage der Demokratie (203).
Im Schlusswort erinnert Schulz von Thun nochmals an sein Vier Ohren Schema (206f) und seine universelle Gültigkeit, die sich im öffentlichen Raum und unter den Bedingungen digitaler Globalisierung zuspitzt (208). Weltweite Transparenz macht das miteinander Reden mit dem Minimalziel der Verständigung mühselig.
Gleichwohl hoffen die Autoren, dass die Lektüre wenigstens eine Richtung vorgibt.
Ausgewählte Literaturhinweise (215ff) und Anmerkungen (218ff) beenden das Buch.

Ich bin optimistisch genug, dass jeder und jede, die sich für demokratisch engagiert und verantwortlich halten, mit Gewinn das Buch lesen werden! Jedenfalls wäre eine weite Verbreitung wünschenswert!