Josef Haslinger: Mein Fall, Frankfurt: S. Fischer 2020, hc., 140 Seiten, ISBN 978-3-10-030058-4, 20 Euro

Das Büchlein enthält eine detaillierte selbstkritische und kirchen- und institutionenkritische Reflexion über einen selbsterlebten Missbrauch in einem Klosterinternat.
13 nur mit fortlaufenden Zahlen überschriebene Kapitel gliedern die Erzählung.
Zu Beginn wird der Entschluss zum Schritt in die Öffentlichkeit erläutert und die Kontaktaufnahme mit der österrreichischen unabhängigen Opferschutzanwaltschaft geschildert.
Schon der erste Kontakt mit der Verfassungsgerichtspräsidentin Brigitte Bierlein erweist sich als Treffer, da sie dem Autor sehr kurzfristig einen Gesprächstermin anbietet.
Eine Rückblende über seine familiäre und religiöse Sozialisation folgt sowie der Übergang zum Stift Zwettl, und der Autor erfährt vom Tod seines Missbrauchstäters P. Gabriel, der im Stift sein Religionslehrer war. Diese Information erleichtert und bestärkt seine Entscheidung, seinen Fall öffentlich zu machen. Sehr redlich reflektiert und beleuchtet er immer wieder seine Skrupel (38ff).
Gleichsam letzte Erinnerungen und Nachforschungen zu Pater Gabriel enthält das dritte Kapitel, in dem auch der vollständige Name mitgeteilt wird.
Das fünfte Kapitel führt wieder auf die Gesprächssituation zurück, fokussiert aber die Missbrauchserfahrungen in einer Rückblende, die immer wieder in die Gesprächssituation mündet. Ein zweites Gespräch mit der Leiterin der Opferschutzanwaltschaft folgt (56ff), in dem zu Haslingers Verwunderung wieder keine Aufzeichnungen gemacht werden (58). Er erfährt, dass er vor einer Ombudsstelle seine Erlebnisse zum dritten Mal – offiziell zum ersten Mal – erzählen muss.
In mehreren Artikeln nimmt Haslinger immer wieder wahr, wie widersprüchlich seine Meinungen aufgenommen werden, bis hin zu einer regelrechten Fremddiagnose (62f). Er hält an seiner mitfühlenden Einschätzung pädophiler Veranlagung fest, ohne das Ausleben solcher Veranlagung zu verharmlosen (66f).
Das siebte Kapitel setzt wieder mit einer ausführlichen Rückblende ein, in der auch sehr nachvollziehbar um die Erinnerung gerungen wird. Deutlich wird, wie wenig im Elternhaus Haslinger gesprochen wird und wie stark stattdessen Klischees regieren (80f).
Wieder in der Gegenwart erzählt Haslinger vom Gespräch mit dem Beauftragten der Ombudsstelle (89ff), der dann wirklich ein ausführliches Protokoll erstellt (92f).
Und wieder eine Rückblende, aus der die Hilflosigkeit der Jungen gegenüber ihren gewalttätigen und teilweise pädophilen Erziehern deutlich wird; erschreckend klar wird die Prägung durch die Gewalttätigkeit auf die Schüler (123f) und die absolute Ausnahmerolle, die der Chorleiter in dieser gewalttätigen Umgebung spielt (107ff), und wie wenig konfliktfähig.
Das elfte Kapitel reflektiert über die Glaubwürdigkeit der Opferschutzanwaltschaft und die Wertschätzung von Gewalt als Mittel der Erziehung (125f).
Das zwölfte Kapitel blendet erneut zurück und Haslinger tauscht mit einem Mitschüler Erinnerungen an die Peiniger in Stift Zwettl aus (130ff).
Mit der Vorstellung des Personals und deren Aufgaben sowie einem deutlichen Hinweis auf die Verpflichtung des Klosters zur Aufklärung endet das inhaltsreiche und bewundernswert ehrliche Bändchen.
Es sei allen Missbrauchsopfern und allen, die ihrer Kirche mit guten Gründen kritisch gegenüberstehen, zur Lektüre empfohlen.