Hanns Zischler: Der zerrissene Brief. Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020, hc., 272 Seiten, ISBN978-3-86971-207-9, 20 Euro

Ein aktueller Liebeskummer ist der Anlass für einen Besuch bei Pauline. Die Anlaufstelle erklärt sich aus einer Unterbringung in Kriegszeiten, wo Gastfreundschaft für geflüchtete in Not über Leben und Tod entscheiden konnte. Pauline, so zeigte sich damals, kann gut zuhören. Und so ist sie die Ansprechpartnerin der Wahl in Sachen Liebeskummer. So sahen sich Elsa und Pauline Manns war 66 wieder. Ein fiktiver Brief an den Autor macht mit diesen Zusammenhängen bekannt (9ff).
Ein Anruf, der noch weitere Aspekte des Romans eröffnet, Postkarten und faszinierende Beschreibungen, leitet den formal überraschenden Romantext ein. Im Grunde ein einziger Dialog zwischen Elsa und Pauline, gelegentlich von Briefen – dank penibler Ordnung schnell gefunden – und wieder erinnernde Rückblenden unterbrochen. Ganz kurz werden die Hauptpersonen Elsa Soldau und Pauline Lassenius vorgestellt. Eine personelle Verbindung mit der Kinderzeit bildet auch die Haushaltshilfe Manda, die nur wenig Profil gewinnt (21f).
Nach der kurzen Liebesromanze Elsas mit ihrem verheirateten Professor, die Pauline souverän kommentiert, bricht aus dieser in Schüben ihre Ehegeschichte mit einem vielseitigen Kurzfilmer, Maskenfetischist - Pauline nennt ihn Fuchs (47, 91) - und Ethnologen Max Lassenius, der mit ihr viel von der Welt sieht, aber das meiste schon gesehen hat, weil er viel älter ist als sie. Seine Mutter lehnt Pauline ab (98), weil sie eifersüchtig ist und das exklusive Verhältnis (Würgegriff, 97) zum einzigen Sohn bewahren und verteidigen will.
Nur von einem Treffen mit seiner Mutter zu deren 80. Geburtstag erzählt Pauline (93ff) und vom provokanten Geburtstagsgeschenk: ein Album ausschließlich mit Fotos von ihnen beiden, vom fingierten Telegramm, das Max unverzüglich zur Abreise zwang.
In Abständen wird immer wieder die New York-Reise thematisiert, die Pauline auf ausdrücklichen Wunsch und großzügig finanziert von Max für zwei Jahre (vom 17. bis 19. Lebensjahr) allein unternommen hat.  Betreut von einem Gärtner im botanischen Garten der Bronx.
Nach ihrer Rückkehr wohnen die beiden in Uppsala und unternehmen viele Reisen. Ihr Tagebuch wird später ein wichtiges ethnografisches Forschungsdokument.
Auch von Max' tragischem Tod 1938 erzählt sie ihrer jungen Besucherin und dessen tragikomischen Begleitumständen (255ff). Die zitierten Briefe werden kursiv markiert. Nur drei Dokumente (Zeitung, Illustrierte und Kindersprachschule) werden im Originaldruck zitiert (87f,126,109). Und undeutbare Ausschnitte im Fotodruck (63,106f) steigern den Eindruck von historischer Echtheit. Und geben einen Einblick in Klischees der Zeit um 1900.
Auch psychologisch ist das Zusammentreffen und die Erzählpassagen und ihre jeweiligen Auslöser so anschaulich und einfühlsam geschildert, dass man bei der Lektüre einen Film mitlaufen fühlt, umso mehr, als die Szenen zuweilen an Kameraeinstellungen erinnern - und vom Beginn der Filmtechnik wird ja erzählt (193ff).
Eine zauberhafte Liebes-, Ehe- und Reisegeschichte, die Liebe zu Menschen, ihrer unverwechselbaren Eigenart und ihrer Seelenkraft ausstrahlt.