Rüdiger Scholz: Goethe und die Hinrichtung von Johanna Höhn, 2. erweiterte Auflage, Würzburg: Königshausen & Neumann 2019, hc., 480 Seiten, ISBN 978-3-8260-6760-0, 29,80 Euro

Zunächst muss ich feststellen: Selten habe ich ein so miserabel lektoriertes Buch gelesen; fast auf jeder Seite findet man Gedankenstriche oder Bindestriche, die den Lesezusammenhang unschön stören; und vor allem in den wieder abgedruckten Beiträgen zum Thema finden sich sprachliche Fehler und Druckpassagen, die auffallend schwach ausgeprägt sind: ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Druckerschwärze und Text lässt sich nicht erkennen. Angesichts solcher Schludrigkeit bedauert man, dass der Beruf des Korrektors nicht mehr existiert.
Allerdings wäre es schade, wenn sich die Lektüre des literarisch und philologisch und zeitgeschichtlich interessanten Kriminalfalls im November 1783 dadurch beeinträchtigen ließe. Die umfangreiche Studie kennzeichnet eine beneidenswerte Gründlichkeit, die dem Leser und der Leserin ihr eigenes Urteil nach geduldiger und genauer Lektüre ermöglicht.
Die 1. Aufl., die 2004 erschien, hat eine derart breite Kontroverse vor allem unter Goethe-Forschern und -Liebhabern ausgelöst, dass sich der Verfasser entschloss, nicht nur diese Kontroverse, sondern auch die sich in der gleichen Zeit ereignenden Kindesmordfälle in diplomatischer Transkription zu dokumentieren; auch deshalb, weil eine vorangegangene Transkription wichtige methodische Prinzipien einer solchen Herausgabe missachtet habe (6). Es geht um Johanna Höhn aus Tannroda (110ff), Maria Rost aus Mellingen (170ff) und Dorothea Altwein aus Gelmeroda (192ff).
Die weiteren veranschaulichen die nachgedruckten und nachgewiesenen Dokumente die historische Darstellung: Sie werden nach der Erscheinungszeit differenziert: ein Artikel Todesstrafe von 1918 (226) leitet einen frühen Diskurs ein, der 1938 mit einem Kommentar von Thomas Mann zu Goethes Verhalten endet (256).
Aktuellere Abhandlungen beginnen 1994 mit W. Daniel Wilson (257ff) und enden mit Volker Wahl über den Fall Höhn-Goethe 2012 (448ff).
Der strittige Sachstand lässt sich kurz zusammenfassen: Goethe war Mitglied in einem dreiköpfigen, dem Fürst von Weimar zugeordneten Beratergremium. 1783 bat der Fürst um Stellungnahmen in einem Fall von Kindstötung, indem er selbst durchblicken ließ, dass er auf die bereits vorgeschlagene Todesstrafe verzichten wolle und stattdessen Zuchthaus unter erschwerten Bedingungen vorziehen würde (64; 113ff). Der erste, Geheimrat Fritsch, wollte sich dem fürstlichen Votum nicht entgegenstellen (32; 129ff), der zweite, Geheimrat Schnauss, votiert für die Todesstrafe (32f; 131ff); Geheimrat Goethe äußert – ein Aufsatz, den er einreichen will, bleibt unauffindbar –, dass es nach seiner "Meinung räthlicher seyn mögte die Todtesstrafe beyzubehalten" (33; 137).
Anstelle des verschollenen Aufsatzes von Goethe zur Mordsache Höhn identifiziert Scholz das berühmte Gedicht "Edel sei der Mensch..." (135f) als versteckte Argumentationsfigur für seine Entscheidung, das Todesurteil als Strafe für die Kindstötung auszusprechen.
Der Scharfsinn der am Diskurs beteiligten kürzeren und längeren Abhandlungen ist lobenswert, aber ganz offensichtlich nicht ausschließlich dem Ziel gewidmet, Unklarheiten und Zweifel zugunsten der historischen Wahrheit auszuräumen. Die Bemühungen um Missverständnisse, offenbar aus dem einzigen Grund, Goethe vom Vorwurf zu reinigen, sein literarisches Werk sei humaner als sein politisches Verhalten, scheinen mir wie eine unsachliche und unangemessene Vernebelung von Fakten, die Scholz in gründlicher Recherchearbeit offenlegt.
Den Band beschließen ein Verzeichnis der Abkürzungen (459), ein umfangreiches Literaturverzeichnis (460ff), ein Personenverzeichnis (467ff) und, gewissermaßen als Sahnehäubchen, Faksimiledrucke von Goethes Niederschriften vom Oktober und November 1783 (477) sowie das Faksimile der fürstlichen Entscheidung für die Todesstrafe und damit die Hinrichtung von Johanna Höhn (478ff).
Ich kann nicht beurteilen, ob es mehr der Zähigkeit von Rüdiger Scholz oder mehr dem Interesse des Verlages zu verdanken ist, dass diese interessante und zweifellos auf hohem wissenschaftlichen Niveau geführte Kontroverse nachvollzogen werden kann.
Immerhin: die Lektüre verspricht Einblick in eine frühe, uns fremde und ungerecht erscheinende Rechtspraxis sowie deren Interpretation und vorsichtig kritische Distanz aus unterschiedlichen Richtungen: historisch, literarisch, philologisch und juristisch. Solche Ausführlichkeit zugunsten einer wissenschaftlichen Kontroverse wünschte man sich häufiger.