Thomas Brussig: Die Verwandelten. Roman, Göttingen: Wallstein 2020, brosch., 328 Seiten, ISBN 978-3-8353-3605-6, 20 Euro

Ein faszinierenden märchenhafter Fantasy-Roman (75, 265,275), dem es gelingt, von einer Romanidee und durch eine Romanidee ein verschlafenes Nest in Mecklenburg, Bräsenfelde, mit medialer Unterstützung zur globalen Berühmtheit aufzublähen; aber gleichzeitig zeigt er auch in erschreckender Deutlichkeit, wie abhängig und kurzatmig medialer Hype sein kann. Die erzählte Zeit reicht von 2021-2026.
Die Handlung gliedert sich in drei Teile:
Der erste Teil nimmt eine Handlungssequenz vorweg (7), die später nochmals aufgegriffen wird (183ff). Sie enthält die zündende Romanidee: zwei pubertierende Jugendliche, das Mädchen Fibi und der Junge Aram probieren in der örtlichen Waschanlage ein Verwandlungsrezept aus, durch das sie tatsächlich in Waschbären verwandelt werden.
Der zweite umfangreichste Teil arbeitet die Folgen der Verwandlung auf (13ff):
Fibi war als Apfelkönigin ausersehen und Aram für ein Probetraining der Jugendfußballmannschaft des HSV (immer als Haesfau geschrieben) bestellt; Vater Stein bringt ihn als Verwandelter in einer Sporttasche zum Termin; aber erwartungsgemäß reagiert der Trainer ablehnend und glaubt nicht einmal die Verwandlungsgeschichte (110f), zumal Aram sich als Waschbär nur Fibi gegenüber äußert und in seiner Familie kein Wort spricht, während Fibi weiterhin aus ihrer Pubertierendenrolle heraus spricht und "normal" in die Familie integriert scheint.
Die Kapitel sind Tagen und handelnden Personen zugeordnet.
Es liegt nahe, dass der Fokus des Romans auf Fibi und ihren Erlebnissen liegt. Wie die Familie Hüveland mit Fibis Verwandlung umgeht und wie sie sich auswirkt, erfährt man in allen Einzelheiten, während Familie Stein nur indirekt ausgeleuchtet wird. So erfährt man zum Beispiel, dass Holger Stein nicht der biologische Vater von Aram ist (140f).
Hilmar Hüveland recherchiert in alle Richtungen, um seiner Tochter zu helfen: kontaktiert einen Juraprofessor, der in der Nähe seinen Ruhestand verbringt, einen Arzt, wegen des zerstörten Handys seiner Tochter einen Phone-Doctor und einen Datenrechtsanwalt in Berlin aufsucht, der sich als Volltreffer erweist: er hilft ihm, das Handy von Fibi zu reaktivieren (73f) und den Verursacher der Verwandlung zur Herausgabe von Beweismaterial zu veranlassen (104f). Aram wirft Fibi Vertrauensbruch vor (118f); sie findet auch später keinen Zugang mehr zu ihrem Freund (308f).
Einen wichtigen Schub erhält die Geschichte durch den Beschluss, möglichst viel Öffentlichkeit herzustellen, um womöglich dadurch die Rückverwandlung zu Menschen zu bewerkstelligen (195ff). Die kurze Funksequenz elektrisiert die Intendantin eines Privat TV Senders, und Fibi und ihre Familie werden berühmt mit allen angenehmen und unangenehmen Folgen (250ff).
Der dritte Teil fokussiert auf eine unbekannte amerikanische Person und steigt drei Jahre später (2024,265ff) mit einer weltweiten Waschbärmanie wieder ein. Die wildesten Hypothesen werden reflektiert (267ff).
Weltweit werden Fibi und Aram von Jugendlichen nachgeahmt (275f). Fibi lässt sich von einem Schlagerstar nach London entführen, wo ihr begreiflicherweise ziemlich bald langweilig wird. Wiebke Hüveland bemüht sich vergeblich, Aram zum Sprechen zu bringen (298f).
Zum zehnten Geburtstag ihres Bruders Alexander kommt Fibi zurück und sinniert über ihr Waschbärenlebensalter (311f). Aram wird von einem Auto überfahren (318). Das letzte Wort gehört der Schulkameradin Shaima, für die Aram der kleine bewunderte freche Bruder war (319), die das Angebot von Fibis Vater, an ihrer Stelle Apfelkönigin zu werden (41), abgelehnt hat (321).
Ein Roman, dessen Lektüre bei aller amüsanten Verwicklung ins Grübeln bringt über die Schnelllebigkeit von öffentlicher Aufmerksamkeit. Nachdenklicher macht mich die Gefährdung menschlicher Beziehungen durch Öffentlichkeit. Brussig gelingt es, straff und psychologisch glaubwürdig zu erzählen, sodass keine Längen auftreten. Vor allem die Szenen und Dialoge regen das Kopfkino an; gelegentlich wirken sie ironisch und witzig. Besonders skurril gestaltet Brussig die Begegnung mit dem Urheber der Verwandlungsidee. Der glaubt sich in einer "Verstehen Sie Spaß" -Sequenz. Vor allem, wenn sie mit Assoziationen an Krimis spielen. Der Roman hat eine große Leserschaft verdient!