Franz Kafka: "Du bist die Aufgabe". Aphorismen, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Reiner Stach, Göttingen: Wallstein 2019, hc., 254 Seiten, ISBN 978-3-8353-3510-3, 24 Euro

Offenbar unter dem Eindruck eines Blutsturzes nutzt Kafka den Aufenthalt bei seiner Schwester Ottla in Zürau, um diese Aphorismen zu entwerfen, die hier erstmals veröffentlicht werden - in der von Kafka selbst vorgesehenen numerierten Reihenfolge, wie sie Ende 1917 bis Anfang 1918 niedergeschrieben wurden.
Übersichtlich und leserfreundlich werden die numerierten Texte jeweils auf der linken Seite abgedruckt, während auf der rechten die Entstehungszeit und der Deutungsversuch des Herausgebers in Verbindung mit seinem Nachwort (237ff) einen Verstehenszugang zu den äußerst verknappten, verrätselten und überwiegend ethisch-religiösen Gedanken des Autors zu gewinnen sucht.
Bilder und Metaphern zeugen von einem Reflexionsniveau, das einzigartig anmutet. Abgesehen von der Kurzform seiner Aphorismen, lässt er sich keiner Tradition zuordnen. So beschäftigt er sich mehrfach mit dem Paradies und der Unzerstörbarkeit desselben. Nach den Aphorismen 82f zwingt Gott den Menschen, vom Baum des Lebens nicht zu essen (166ff; 247). Die Vertreibung aus dem Paradies dauert also noch immer an, wenn man auch die Aphorismen 3, 64, 74 und 84 zur Deutung heranzieht. Die Ewigkeit des Parasdieses macht es denkbar, dass wir noch immer dort dauernd sind (134)
Ausgehend vom Platons Ideenlehre unterscheidet er eine geistige und eine sinnliche Welt; die sinnliche ordnet er dem Bösen zu, die geistige dem Guten (114). Die sinnliche Welt und damit das Böse erklärt er als scheinhaft und vergänglich. Das Böse – damit befasst er sich in elf Aphorismen (19, 28,29, 39,51, 55,85, 86,95, 100, 105) – ist notwendig, wenngleich nur als Übergang zu betrachten (115).
Beispiele für seine unkonventionelle radikale sprachliche Verknappung bilden die beiden Aphorismen 87 und 93. In beiden verzichtet er auf vollständige Syntax:
Ein Glaube wie ein Fallbeil, so schwer, so leicht (178) und Zum letzten Mal Psychologie! (188).
Die Qualität der Kommentare des Herausgebers Stach besteht in seinem souveränen Überblick über Leseeindrücke, Briefwechsel, Tagebuch und Interessen Kafkas. Je länger er sich beispielsweise mit Psychologie beschäftigt – schon in seinem Studium als 19-jähriger – desto skeptischer wird er gegenüber diesem Fach und auch der Psychoanalyse (189).
Auch im Rahmen dieser Sammlung schätzt Kafka bildhafte Ausdrücke: Leoparden (42), Billardspieler (218), Krähen (66), ein Käfig, der einen Vogel sucht (34). Sie stehen für sich und muten dem Leser eine Deutung zu.
Dank Stach erfährt man, dass diese Aphorismen eine Geheimexistenz Kafkas abbilden, die sich an metaphysischen Begriffen des Bösen, der Wahrheit des Glaubens und der geistigen Welt abarbeitet (243).
Das Ende des Buches enthält Siglen der Handschriften und Werke (227), Quellennachweise (229ff), Literatur (235f) und das Nachwort, das über Herausgeber- Motivation und Entstehungsgeschichte aufklärt (237ff).
Kafka erscheint in diesen seinen selbst geordneten Aphorismen sowohl als Metaphysiker wie auch als Existenzialist, der seine parabolischen Kurztexte zu überbieten sucht. Für jeden Kafka Fan ist die Lektüre ein Muss!