Sabine Scholl: O. Roman, Zürich: Secession 2020, hc., 302 Seiten, ISBN 978-3-966390-22-4, Euro

Die Lektüre entlarvt eine Mogelpackung: zum einen weckt sie Erwartungen an den Inhalt allein durch den Titel: der Buchstabe O lässt etwas Reißerisch-Frivoles erhoffen. Die Entlehnungen aus der Odyssee sind unübersehbar; man hätte den Roman genauso "Die Irrfahrten der O" nennen können, weil auch sie von Göttern begünstigt (Atena= Athene, 53ff; Aeola=Aiolus, 123ff) und verfolgt wird (von Poseidon wegen seines geblendeten Sohnes Polyphem). Außerdem bietet die Autorin noch einen literarischen Ausflug in die Unterwelt an, wo sie sich auf den Spuren Dantes im Inferno (177ff) bewegt. Es ist eine Fluchtgeschichte, die aktuelle Schmuggler-Geschäfte mit Menschen in Not eröffnet (80ff) und auf antiken Spuren wandelt.
Und sie stellt mehrere Trends zufrieden: die Metoo-Debatte (sie wurde vom Vater missbraucht), die Gender-Bewegung (sie ist nur mit Frauen unterwegs), die Flüchtlingskrise (überall erlebt die Gruppe Ablehnung und Abgrenzung) und die Umweltzerstörung (228ff; 245).
Allerdings zeichnet Scholl eine Gegenbewegung: O., die übrigens nie richtig vorgestellt wird, außer dass sie als vom Vater Missbrauchte geoutet wird (172f), beginnt ihre Irrfahrt im Paradies bei Calypso, wo es ihr bezeichnenderweise langweilig wird und sie nach Hause zurück will.
O. wird als absolute Lebenskünstlerin gezeichnet – ein psychologisches Unikum – die alle Probleme meistert und sogar fast immer treu zu ihren Begleitern hält, obwohl diese vollkommen flach und als Figuren einer zweidimensionalen Welt erscheinen. Und analog der Odyssee ihre Ratschläge und Anweisungen buchstäblich in den Wind schlagen (128f). Ein Inhaltsverzeichnis wäre hilfreich, weil alle Kapitel nicht nur einen Titel tragen Paradiesisch (8ff) bis Ankunft I,II,III (288ff), sondern auch eine geheimnisvolle grau diffuse Grafik, auf der in weißen Kapitälchen die unnummerierten 30 Titel erscheinen.
Außer Calypso, der Unsterblichen, begegnen in dem Roman Kirke (135ff) - mit den obligaten Schweinen, die vormals Männer waren - und Polyphem der Einaugriese, der Frauenfleisch besonders schätzt (98), und dem auch hier wie bei Homer ein erhitzter und angesptzter riesiger Prügel ins Auge gestoßen wird, nachdem sich O. als Keinmann vorgestellt hat (108f). Auch den Sirenen begegnet O. sogar leibhaftig (220ff). Überraschenderweise sind es Männer und Frauen.
Drastisch wird die entwürdigende Kontrollprozedur im Heimatland O.'s geschildert (251ff). Auch die omnipräsente rassistische und einkommensabhängige Sortierung wird angedeutet (258ff).
Mir scheint die Schreibstrategie Scholls, jedes Klischee um des Effekts willen zu nutzen, nicht weit entfernt vom Kitsch. Sollte sie irgendeine aufrüttelnde soziale Absicht mit diesem Patchworkroman verbinden wollen, hat sie durch die Häufung von märchenhaften und mythischen Elementen das Gegenteil erreicht, zumal ich diesen Versuch, sich auf mangelnde Bildung der Leserschaft zu verlassen und ungeniert Vorlagen abzukupfern, empörend finde. Außerdem wird niemand wirklich getroffen; sie nimmt keine Nation für das Flüchtlingselend in Haftung, sondern bleibt so diffus, wie es ja die Irrfahrten des Odysseus geografisch auch schon waren.
Handys und digitale Gesichtserkennung neben Göttern und Unsterblichen und einäugigen Monstern - das Ganze hat etwas Hybrides. Leider bleiben Prinzipien des Erzählens, Perspektive und Stimmigkeit, daneben auf der Strecke.
Ich kann die Lektüre daher niemand empfehlen; er/sie soll sich eine gute Ausgabe der Odyssee von Homer und der Göttlichen Komödie von Dante besorgen und diese lesen! Besser das Original als die Scholl-Fälschung!