Martin Walser: Mädchenleben oder die Heiligsprechung. Legende, Hamburg: Rowohlt 2019, hc., 94 Seiten, ISBN978-3-498-00196-4, 20 Euro

Die Bezeichnung Legende, die Walser als Beschreibung des Textes verwendet, knüpft an kirchengeschichtliche Traditionen an: Geschichten von Heiligen und Märtyrern werden Legenden genannt.
In diesem Büchlein werden von einem Icherzähler, Anton, – von einer unvollkommen heizbaren Berghütte (7) aus – einzelne nummerierte Szenen mit einem Mädchen, Sirte Zürn, geschildert. Man erfährt, dass dieses Mädchen aus einer vierköpfigen Familie stammt und Tagebuch schreibt.
Der Icherzähler schildert das Leben der Familie und vor allem als großer Bewunderer Sirte, über die er viel Material gesammelt hat. Seine Nähe zu dem Mädchen bringt ihn in Verdacht und in U Haft, als Sirte verschwindet. Sie kommt zurück und verhält sich merkwürdig. Und auch Ludwig Zürn, ihr Vater, handelt merkwürdig. Sirte zum Beispiel spielt mit ihrem Speichel (11f).
Schon im dritten Abschnitt regt Herr Zürn an, Sirte heilig sprechen zu lassen (13). Der Icherzähler beobachtete, wie Sirte beim Schaukeln auf dem höchsten Punkt verweilt. Er ist überzeugt: Herr Zürn hat recht. Ein Facharzt verunsichert ihn nicht. Der Icherzähler sammelt Einzelheiten zu Sirtes Verhalten. Sie bemüht sich, einem Raben namens Chlodrian sprechen beizubringen. Sie zeigt Anzeichen von Kleptomanie (30f). Und ahmt ihren Vater nach, der sich als Dichter fühlt, und schreibt (35f). Sie spendet für die Dritte Welt (42). Antons Gefühle für Sirte werden erwidert (43). Sirte verschwindet wiederholt (49). Danach ist Anton ihr verfallen (51). Und sie vertraut ihm ihre Tagebücher an und bringt Chlodrian ein Kirchenlied bei. Letzteres wird als Wunder für die Heiligsprechung bewertet (55).
Sirte erzählt Anton von einer Jesus Erscheinung, die ihr ein goldenes Ringlein geschenkt hat. Dieser Erscheinung gilt für die Heiligsprechung nicht weil Wunder gewirkt werden müssten (59f).
Im folgenden werden merkwürdige und bigotte Aphorismen und kurze lyrische Texte von Sirte zitiert (61ff). Sie hat weitere Visionen (71). Und sie verkündet in zehn Lieferungen rätselhafte anscheinend göttlich inspirierte Botschaften (72ff). Sie beschreibt ein Erlebnis, wie sie anstelle einer ihr unbekannten Frau die Prügel von deren Mann, Ludwig Proll, entgegennimmt, der daraufhin zu trinken aufhört (87). Das ist das entscheidende Wunder, dass den Heiligsprechungsprozess in Gang setzt (89).
Die Lektüre lässt mich einigermaßen ratlos zurück. Der Text enthält kaum Ironiesignale. Abgesehen von den teilweise mehr als banalen Beobachtungen über Sirte Zürn, die mitgeteilt werden. Und die abartigen Gepflogenheiten des Vaters, der seine Tochter für heilig hält und seinen Untermieter veranlasst, in dieser Richtung aktiv zu werden. Man kann das Büchlein sicher als freche Anfrage an Heiligsprechungsprozesse generell lesen. Ein Unterhaltungswert ist Martin Walser damit nicht abzusprechen.