Marco Politi: Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche. Aus dem Italienischen von Gabriele Stein, Freiburg: Herder 2020, hc., 298 Seiten, ISBN 978-3-451-39446-1, 24 €

Eine ebenso beeindruckende wie erschreckende Lektüre! Beinahe wie ein Kreuzweg muten die 14 Kapitel an, die den Kampf des Papstes in allen Facetten, auf allen Ebenen und in allen Erdteilen beschreiben. Der Autor ist offensichtlich glänzend informiert und man spürt der Lektüre ab, dass er sich zu den Bergoglianern zählt. Besonders schlimm finde ich, dass Franziskus' kirchliche Gegner mit den Industriellen gemeinsame Sache machen, weil denen natürlich seine Denkschrift Laudato Si ein Dorn im Auge ist (12). Dabei geht es Franziskus um eine zukunftsfähige Kirche. Und Benedikt, der zurückgetretene Vorgänger, ist sich nicht zu schade, als Gegenpapst instrumentalisiert zu werden (151).
Franziskus' Faszination geht von seinem Gottesbild aus, dass er nicht müde wird, in Begegnungen mit kleinen Geschichten zu veranschaulichen (17f). Oft nimmt er dafür Kinder zu Hilfe.
Seine Konsequenz: Mission versteht er als Weitergabe der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit. Und: wir sind alle Kinder Gottes (22).
Die Wahlen in Italien 2018 haben Matteo Salvini, den Innenminister und Kämpfer gegen die Invasion von Migranten, nach oben gespült. Die Mahnungen von Franziskus, seine öffentlichen Auftritte zugunsten verzweifelter Menschen auf der Flucht, seine Anklagen gegen Gleichgültigkeit angesichts der Katastrophen im Mittelmeer verpuffen. Der Rassismus und Nationalismus finden immer mehr Zustimmung.
Sogar der Waffenbesitz in Italien wird liberalisiert (44).
Franziskus' Beliebtheitsskala in Italien sinkt (55). Und er muss sich auf Widerstand aus Amerika - namentlich nach Trumps Wahl - einstellen. Auch der Frieden im Heiligen Land ist massiv bedroht (73). Insider befürchten in Israel den Apartheidsstaat (77).
In Polen wie in Ungarn kommt es zum Schulterschluss zwischen Kirche und Nationalisten gegen muslimische Immigranten. Gegen die "Islamisierung" und stärkere Einigung der EU wendet sich die Mehrheit der Mitgliedstaaten (91ff). Bergoglio warnt, sich von der Angst bestimmen zu lassen (98f).
In Chile wird Franziskus hart vom Missbrauchsthema getroffen (101), dessen weltweites Ausmaß er falsch eingeschätzt hat. Die Kurialen haben ihm Information vorenthalten! Und eine von ihm eingesetzte Kommission zum Schutz von Minderjährigen (120) wird am Papst-Kontakt gehindert; er selbst nimmt keinen Anteil (125). Auch Vergewaltigungsopfer unter den Nonnen finden kein Gehör (130f).
Ein Vatikandiplomat, Vigano, veröffentlich ein Memorandum über Missstände in der Kurie und fordert Franziskus zum Rücktritt auf (135). Sogar Vorwürfe der Häresie werden öffentlich (144ff). Doch Franziskus verzichtet nach dem Bischofsgipfel 2019 auf klare Worte (160f). Wenig später jedoch verfügt er weltweit Handlungsanweisungen gegen Missbrauch und Vertuschung (162f).
Franziskus' Problem: er hat kaum Unterstützer in der Kurie und entscheidet und handelt so wie ein einsamer Wolf. Aus der Parallelwelt von Santa Marta (188).Er versucht mit aller Macht, die Spaltung der Kirche zu vermeiden (282) und dennoch die Autonomie der Bistümer weltweit zu stärken (168; 195f). Konsequent reformiert er die Kurie und ihre Finanzen, lässt aber zu, dass ein äußerst erfolgreicher Revisor entlassen wird. Die näheren Umstände werden nie aufgeklärt (179).
Die Kurienreform, nunmehr von 6 Kardinälen vorangetrieben, harrt noch ihrer Umsetzung (192). Inzwischen sieht sich Franziskus einem Bombardement von Pöbeleien im Netz ausgesetzt (197f; 254f).
Beispielreich schildert Politi, wie Franziskus sich um die Ärmsten der Armen kümmert, sie effektiv unterstützt (204ff). Immer wieder prangert der Papst die ungerechte Veteilung der Ressourcen an (208ff). Gewinn um jeden Preis nennt er das Credo der Ökonomie (215).
Am Schwund der Frauen in den Orden wird die Krise der Kirche augenfällig: Frauen müssen nach ihren Begabungen eingesetzt werden, nicht als Bedienstete (222) ausgebeutet, so Franziskus. Einer von ihm eingesetzten Kommission über weibliche Diakone in der Urkirche begegnet er eher gleichgültig (230). Frauen vermissen weltweit die kirchliche Anerkennung und ziehen aus. 
Gleichzeitig trocknet der Priesterberuf aus (240f), die Zahl aktiver Laien geht immer mehr zurück, ja, die Jugend geht der Kirche zunehmend verloren (250f).
Die Bedeutung der Gesten des Papstes werden betont (258f) und veranschaulicht.
Gesten der Geschwisterlichkeit mit Kulturen und Religionen (262ff).
Der Papst will die Umkehr der Kirche (273), gegen die sich der Ex-Papst Benedikt vehement äußert (274f). Problematisch dessen Kleidung, unveränderter Papstname und Anrede (277). Küng spricht das Schlusswort: Wir müssen Franziskus die Stange halten (286).
Es folgen die kapitelweisen Anmerkungen (287ff). Sie zeugen von einer fundierten und kenntnisreichen, auch durchaus kritischen Darstellung. Man kann dem Verlag zu diesem Autor nur gratulieren.
Allen, die Papst Franziskus sich verbunden fühlen, sei dieses Buch - ergänzend zu Sodom[1] - ans Herz gelegt.



[1] Frédéric Martel: Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan, Frankfurt: Fischer 2019