Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam, Freiburg: Herder 2020, geb., 258 Seiten, ISBN 978-3-451-38671-8, 22 Euro

Eine kühne These, die der bekannte Islamwissenschaftler aus Münster hier vorträgt: der Islam wurde manipuliert! Die politischen Machthaber kurz nach Mohammeds Tod hatten ein Interesse daran, den Islam als Gehorsamsreligion und sich selbst als Gottes Beauftragte darzustellen. Offensichtlich – so der Autor – gelang es bis heute, aus einer ursprünglich freiheitlichen Botschaft eine der Unterwerfung zu machen. Gegen angeblich religiös begründbare Unterwerfungsstrukturen, die autoritäre Herrscher als gottgewollt darstellen, wendet sich der Autor. Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, verwendet er eine verständliche Sprache. Den Schluss der Einleitung bildet eine differenzierte Dankadresse (15f).
Das Buch besteht aus zwei Teilen:
            1. Teil: Der Verrat am Islam (17ff) und
            2. Teil: Auf dem Weg der Befreiung (147ff).
Mit einer kurzen Zusammenfassung endet der Textteil, dem Literaturangaben (237ff) und kapitelweise Anmerkungen (243ff) angefügt sind.
Jedes der 20 Kapitel – zehn in jedem Teil – wird mit einer These in Kursivschrift eingeleitet. Eine durchgängige historisch begründete Erkenntnis besagt, dass der Islam schon früh als Machtinstrument (39) missbraucht wird, und dass sich immer wieder willfährige Islamgelehrte finden, die diese religiöse Fassade stützen. Dank dieser Unterstützung wird aus dem liebenden Gott ein restriktiver und autoritärer (76). Der Herrscher kann sich so als Vertreter Gottes auf Erden verstehen. Kein Wunder, dass in islamischen Staaten noch heute Religion und Staat kaum zu trennen sind.
Khorchide widerspricht entschieden der Auffassung, dass Mohammed ein politischer Herrscher war (56ff). Er betont vielmehr: Der Prophet begriff sich nie als Stifter einer neuen Religion (67). Später bilden sich zwei konkurrierende theologische Schulen heraus: die eine (Qadariyya) lehrt, dass der Mensch vor Allah frei sei, die andere (Jabriyya), dass er und die ganze Schöpfung von Allah abhängig sei (84f).
Mir unverständlich, weil ohne Konkretisierung behauptet, scheint der negative Wirkungsaspekt, den Khorchide als politischen Islam bezeichnet (95ff). Mir einleuchtend hingegen ist die Rolle der Islamverbände beschrieben, die eine kirchenähnliche Struktur fälschlich vortäuschen (106).
Vergleichbar unklar bleiben die Ausführungen über die islamischen Rechtsregeln. Khorchide erläutert weder Herkunft noch Inhalt der Scharia.
Am interessantesten finde ich das Kapitel über die Frauen, die – so Khorchide – von Mohammed aus ihrer Rolle als Objekte der Unterwerfung schrittweise in ein würdiges und selbstbestimmtes Leben geführt werden (135). Der Koran macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, sie sind prinzipiell vor Gott gleich. Alltagsregeln zum Umgang zwischen den Geschlechtern erklärt er als deutlichen Kontrast zur üblichen zeitgenössischen Praxis (137ff). Was schließlich die sexualisierte Geschlechterbeziehung und ihre Auswirkung auf die Kleiderordnung betrifft, verurteilt sie Khorchide als Diskriminierung (141f).
Zehn Konsequenzen für eine innerlicher Aufklärung zieht Khorchide aus den vorangegangenen Erläuterungen, die sich vom Gottesbild bis zur Befreiung der Muslime von der öffentlichen Meinung erstrecken (145f).
Diese Konsequenzen bilden den Rahmen der folgenden zehn kurzen Kapiteln, in denen der Versuch einer Befreiung ideologischer Befruchtung des Islams durch Geschichte und Gegenwart unternommen wird.
Sehr eindrucksvoll und anschaulich versteht es Khorchide, die liebende Barmherzigkeit Gottes, wie sie der Koran bezeugt, als in die Zukunft offene Freiheitsverheißung und Dialogangebot für den Menschen zu deuten. Er betrachtet den Koran als Kommunikation zwischen Gott und Mensch und nicht als ein für alle Mal statisches Produkt göttlicher Offenbarung. Schade, ja bedauerlich finde ich, dass Khorchide zwar den Vortragscharakter des Koran hervorhebt (188), aber die wunderbare Form, die nur von Friedrich Rückert nachzubilden versucht wurde, auch nicht im Zusammenhang mit dem Schönheitsexkurs erwähnt wird (209ff).
Khorchide betont gleichwohl in sympathischer Weise die Verpflichtung des Menschen, auf das Liebesangebot Gottes mit Liebe und Fürsorge den Mitmenschen und der Natur gegenüber zu antworten (219f). Er soll sein Handeln keinesfalls mit der Hoffnung auf Belohnung im Jenseits verbinden. Khorchide hofft, dass es den Muslimen gelingt, sich von jeder Form der Funktionalisierung zu befreien und ihr Liebespotenzial zu entfalten (225).
Kein Zweifel: Khorchides Buch ist eine sehr subjektive Deutung des Islam. Einige Behauptungen erscheinen mir mehr als gewagt, zumal die Blütezeit auf der arabischen Halbinsel mit ihren Auswirkungen auf die europäische Renaissance mit einer restriktiven Religion kaum vorstellbar gewesen wäre.
Aber gleichwohl enthält es viele nachdenkenswerte Anregungen für jeden Muslim und jede Muslima, die nach Kant wagen, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.