Dmitrij Kapitelmann: Das Lächeln meines Vaters, dtv München 2018, 4. Aufl. 2019, brosch., 287 Seiten, ISBN978-3-423-14618-0, 10,90 Euro

Der Autor erzählt aus seinem Leben und fokussiert auf die Israel Reise, die er gemeinsam mit seinem Vater unternommen hat.
Während er davon erzählt, brechen immer wieder Erinnerungen auf, die er in Leipzig und Berlin mit Rassisten erleben musste (114ff); der Vater hat ihn mit 13 Jahren nach Deutschland verpflanzt, obwohl dieser sich weder in Kiew noch in Deutschland heimisch fühlt. Sein Mathematikstudium verhalf dem Vater zu einer Stellung im ukrainischen Bauministerium (18). Wegen der Selbstbezeichnung Jude bezeichnet ihn der Sohn auch als unsichtbar. Denn beide sind Juden, aber ohne Glauben oder entsprechende Orientierung (34). Dmitrij hofft, dass der Vater Leonid in Israel als Jude sichtbar wird. Die Mutter, durchgängig die Chefin genannt, ist keine Jüdin. Sie stammt aus Moldawien. Der Vater hat sie in der Ukraine kennen gelernt. Daher entspinnt sich immer wieder die Auseinandersetzung über den Judenstatus von Dmitrij: Jude, Nichtjude oder Halbjude? Es kommt anscheinend auf die Perspektive an.
Dmitrij wirbt oft um Gespräche mit dem Vater, hat aber selten Erfolg.
Freunde gewinnt er nicht, eher lernt er vor Neonazis weglaufen. In Berlin ekelt ihn die Kaltherzigkeit, die er erlebt. Der Vater betreibt einen Gemischtwarenladen in Leipzig, Magazin genannt.
Erfrischend wirken kreative Wortschöpfungen wie semitisch legitimiertes Arschlochtum (38), mit dem rassistische Anwandlungen des Vaters kommentiert werden. Oder der Dunkeldeutschlandpreis (58) zur Kennzeichnung der preiswerten Magazinmiete. Oder, wo die Freunde sich in Israel hingelebt haben könnten (67). Er erfindet sogar einen psychologischen Fachausdruck: Prinzip der asymmetrischen Mikroempathie (81) für die merkwürdigen Richtungen von Vater Leonids Aufmerksamkeit. Auch der Freizeitoligarchen-Modus, der die fiktive Rolle von Haus- Kaufinteressenten ironisiert (98), wird nur von der Unterhosenbestandsmerkfähigkeit des gewalttätigen Ehemanns übertroffen.
Vorbereitungsszenen - etwa das Schreiben einer Mail an den allwissenden Freund Borja in Haifa - sind herrlich anschaulich geschildert, dass man schmunzeln muss (54ff).
In vergnüglichen Bildern gelingt es dem Autor, die Episoden der Israel-Reise anschaulich zu gestalten.. Er erlebt als Aspirin-Entsorgungsbox (140) eine Quick-Mizwa als verspätete Identitätskonstruktion (141). Und fühlt sich entsprechend gemizwat (143). Nach überraschenden Gebeten an der Klagemauer (166ff) und dem Totengedenken an den verstorbenen Freund Marik (181) erlebt Dmitrij den Vater überraschend als sichtbar.
Für ihn erfüllt sich der Sinn des Israel Besuchs erst in den letzten drei Tagen: mit Besuchen in Ramallah und Nablus. Damit emanzipiert er sich von seinem Vater, der von Arabangst (192) erfüllt ist.
Die Lektüre des Romans lässt eine liebevolle Verbindung zwischen Vater und Sohn erahnen, die jedoch durch viel Ironie und distanzierte Reflexion verfremdet wird. Sie zeugt von der Heimatlosigkeit der Juden ebenso wie ihrer Dauerrolle als Zielscheiben des Rassismus. Der Stil des Autors ist eine dauerhafte Quelle der Erheiterung; dabei überbieten sich Selbstreflexion und Dialogsequenzen gegenseitig.
Ein absoluter Lesegenuss!