Renate Feyl: Die unerlässliche Bedingung des Glücks. Roman, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019, hc., 430 Seiten, ISBN 978-3-462-04890-2, 24 Euro

Ein Roman, der die Geschicke eines Philsophiestudenten Ferdinand Lasalle und einer unglücklich verheirateten Gräfin Sophie von Hatzfeld zusammenführt.
Trotz eines erfolgreich gemeinsam durchgestandenen Scheidungsprozesses, der sie alle Verbindungen mit ihrer Familie kostet, ihn jedoch zur nicht ohne Neid und Hass betrachteten Ikone der Arbeiterbewegung einschließlich mehrfachr Inhaftierung befördert, bleibt er der Staatsfeind Nr. 1 und sie in der Adelsgesellschaft die Verräterin.
Die Höhen und Tiefen des Prozesses und seiner Langzeitfolgen schweißen sie untrennbar zusammen und lassen sogar seine Bettgeschichten daneben zu Lappalien schrumpfen. Sie legt wegen des Altersabstands zwischen ihnen von Anfang an Wert darauf, sich ihm nicht hinzugeben, so dass bis zu seinem Tod eine sinnliche Spannung ihre Beziehung begleitet.
Offenbar ergänzen sie sich hervorragend: er ist der Feuerkopf, der sich für seine große Idee - Demokratisierung der Ständegesellschaft - total verausgabt, aber auch gefährlich mit dem Feuer spielt, während sie ihn immer wieder vor allzu kühnen und "hochverräterischen" Träumen - nicht immer erfolgreich - zurückzuhalten sucht.

Auseinandersetzungen zwischen Ferdinand und Sophie provoziert ihre Bindung an den jüngsten Sohn Paul, der - wie Lassalle klar erkennt - offenbar die Mutter nur als Geldquelle betrachtet, aber kaum einen Gedanken an ihr Ergehen verschwendet.

Ihr geschiedener Ehemann Edmund hat mit kriminellen Machenschaften und falschen Zeugen ihre Scheidung zu ihren Ungunsten erwirkt und sich damit auch das Recht über die Kinder und das gemeinsame Vermögen verschafft; nur die Drohung durch Ferdinand, ihn öffentlich als Verbrecher bloßzustellen, und die Aussicht der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung veranlssen ihn zum Einlenken und zur Herausgabe des rechtmäßigen Vermögens der geschiedenen Gattin.
Die Figurenzeichnung ist gut gelungen, auch die Nebenrollen agieren glaubwürdig. Gleichwohl wirkt der Roman aufgebläht, weil zu oft ähnlich motivierte Streitszenen zwischen Ferdinand und Sophie oder besorgte Reflektionen der beiden wechselseitig sich wiederholen.
Da sich die Erzählstränge des begeisternden Arbeiterführers mit dem Beginn der kommunistischen Bewegung und der parteilichen Standespolitik durch Adel, Polizei und Richterschaft gegenseitig durchwirken, fällt es manchmal schwer, die Zusammenhänge zu erfassen. Vielleicht wäre mit einem kommentierten Personenregister, wobei auch zugleich Fiktion und historische Fakten auseinandergehalten werden könnten, diese Schwierigkeit zu vermindern.

Unterhaltung verspricht der Roman allemal, auch zeitgeschichtliche Einblicke.