Delphine Horvilleur: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Aus dem Französischen von Nicola Denis, Berlin: Hanser 2020, hc., 141 Seiten, ISBN 978-3-446-26596-7, 18 Euro

Ein vorzüglicher Essay aus der Feder einer französischen liberalen Rabbinerin, die laut Klappentext als eine der einflussreichsten Stimmen des liberalen Judentums in Europa gilt.
Als unübersehbarer roter Faden des Textes empfiehlt sich eine unverwechselbare selbstbewusste und selbstkritische Identität.
Im Prolog (13ff) wird eine wichtige Unterscheidung zwischen Rassismen und Antisemitismus getroffen: während Rassisten den Fremden für seine Fremdheit hassen, hassen Antisemiten den Juden für sein Anderssein, für sein außergewöhnliches Schicksal, für seine bloße provozierende Existenz.
In fünf Kapiteln wird das Thema abgehandelt:
1. Antisemitismus als Familienrivalität (19ff)
2. Antisemitismus als Zivilisationskampf (45ff)
3. Antisemitismus als Krieg der Geschlechter (73ff)
4. Antisemitismus als Wahlkampf (95ff) und
5. Die jüdische Ausnahme (111ff).
Zum Schluss folgen die durchnummerierten gründlichen Anmerkungen (135ff).
Die Autorin hebt den bemerkenswerten Umstand hervor, dass die Juden als Opfer von Antisemitismus sich viele Gedanken über die Ursache dieses Vorurteils gemacht haben. Amalek und Esau sowie deren Familiengeschichten bezeichnen die Ursprünge des Antisemitismus.
Das zweite Kapitel eruiert aus jüdischen Legenden den Männlichkeitswahn und die Kastrationsangst der männlichen Gesellschaft als Triebfeder für den Antisemitismus. Zentral im dritten Kapitel ist die Deutung der Beschneidung als symbolische Einschreibung des Weiblichen in den Körper des männlichen Neugeborenen (88f). Hinzu kommt der Bruch mit der vergangenen Welt (90).
Das vierte Kapitel thematisiert die Erwählung Israels, die mit Bezug auf Amos (96) relativiert wird. Zum Schmunzeln bringen die Legenden des Talmud, die die näheren Umstände der göttlichen Thora-Verkündigung verfremdet (101f). Auch was am Berg Sinai geschah, wird unter den jüdischen Gelehrten durchaus kontrovers diskutiert (106). Was stört, ist die Störung der Ganzheit durch die Juden (109f).
Im letzten Kapitel wird Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden apostrophiert (111). Obsessive Israelkritik ähnelt dem traditionellen Diskurs der Antisemiten (114). Ein weiteres Mal erscheinen die Juden als Störenfriede der Geschichte (118). Die um sich greifende Kollektivierung stellt aufklärerische Grundwerte von Würde und Autonomie des Subjekts infrage (122). Der einzelne wird so auf die Geschichte seiner Gruppe reduziert; dieser Anspruch verbunden mit einem wir wird jedoch immer von einzelnen vorgetragen. Identität ist immer aus der Summe vielfältiger Einflüsse entstanden (128f). Kein einzelner muss diese Vielfalt bestimmen oder gar analysieren können (132).
Die Lektüre des Buches wirkt wie eine innerliche Kopfwäsche für alle, die ihren Klischees misstrauen.