Kübra Gümüsay: Sprache und Sein, Berlin: Hanser 2020, hc., 210 Seiten, ISBN 978-3-446-26595-0, 18 Euro

Eine Alltagspragmatik aus der Sicht der Mehrsprachlerin. Sie macht keinen Hehl aus ihrer leidenschaftlichen Gesellschaftskrik und macht mich, einen Unbenannten (53), wie sie mich mit Recht nennt, schamrot und demütig angesichts der sprachlichen Fallen, die auch mir nicht erspart bleiben. Ihre Sprache, obwohl es um hochkomplexe Aspekte geht, bleibt immer leserfreundlich und konkret.
Ihre Beispiele sind so ausgewählt, dass ein Wiedererkennen unausweichlich ist. So veranschaulicht sie plausibel den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Sprache. Dies gelingt ihr durch Vergleiche mit türkischen Wörtern. Und auch durch  - dank ihrer Eigenschaften - herausstechende Sprachen. Und sie verdeutlicht, wie stark ihre Gefühle im Türkischen wurzeln. Die Grenzen der eigenen Sprache lassen sich nur durch Sprachvergleiche wahrnehmen und öffnen. Beispielhaft verweist die Autorin auf das generische Maskulin im Deutschen (19f).
Und sie nennt das unterschiedliche Image, das Sprachen genießen (23).
Intensiv spürt Gümüsay den Rollen nach, die sie in den vier Sprachen spielt (30). Und wieder zieht sie die Erfahrungen anderer mehrsprachiger Autor*innen als Belege für ihre eigenen Erfahrungen heran (30ff). Allerdings, so betont sie, gibt es Mehrsprachigkeit mit Prestige und Mehrsprachigkeit ohne Bedeutung (36f). In der Türkei wird Kurdisch sprechen verboten (38f). Gümüsay ruft dazu auf, Sprachen als Hausherr statt als Gast zu verwenden (43).
Manchmal erzwingt die Sprache eine Lücke, weil sie ein Problem nicht zu beschreiben vermag. Gümüsay veranschaulicht dies anhand der weiblichen Sprachlosigkeit angesichts der männlichen Definitionsmacht (48). Alltagsereignisse illustrieren die Sprachmacht des Gastlandes Deutschland (50ff). Und schaffen ein Museum, in dem Unbenannte Benannte zu verstehen trachten (54). So werden aus Menschen Kollektive: Ausländer, Jude, Muslim, Homosexueller. Ihrer Individualität beraubt (59). einem Privileg (63ff). Denn die muslimische Frau hat dem Stereotyp zu genügen (67ff). Aber die Kopftuchträgerin ist nicht zu verstehen (72). Schon gar nicht ihre Beziehung zu ihrer Religion (75f).
Kategorisierung auch
Diese wird somit zu seitens der muslimischen Gemeinschaften (87) – das veranschaulicht Gümüsay vielfältig – beeinflusst das Verhalten (79ff). Anders sein/Andersartigkeit muss im deutschen Alltag sich ständig rechtfertigen (80f), Wissen ohne Wert anhäufen. Was darf eine muslimische Frau? Und Gümüsay erweitert: was darf eine schwarze Frau? (89). Kategorisch fordert sie das Recht auf Individualität (90f). Und das heißt angesichts der AfD: sich nicht an Unrecht gewöhnen, wachsam bleiben (94).
Gümüsay schildert verstörende Fernsehdebatten; sie bringt deren plakative Statements in Verbindung mit zunehmender Rücksichtslosigkeit im Netz (95ff). Thilo Sarrazin bezeichnet sie in dieser Hinsicht als Dammbruch (106ff). Allerdings zeigen ihre Erfahrungen, dass schon zehn Jahre vorher der Hass gegen Ausländer im Netz präsent war (108ff). Rassismus gehört zu ihrem Alltag (112). Entsetzt ist Gümüsay über die Einseitigkeit von Berichterstattung: vom Attentat in Neuseeland gegen zwei Moscheen berichtete man erst nach Tagen (113ff).
Und dass die Medien ihr Programm immer stärker nach dem Diktat der Rechten ausrichten. Wobei niemand weiß, wie viel Menschen es sind, die Hass streuen und schüren (117ff). Wir geben Wüterichen im Netz zu viel Aufmerksamkeit (121f). Indem wir ihren Positionen gesellschaftliche Relevanz verleihen (123). Begriffe steuern nach rechts (125), ebenso wie Verschleierung (ausländerfeindlich statt rassistisch). Gümüsay verdeutlicht hinreichend: die veröffentlichte Meinung hat die AfD groß gemacht (128). Wirklich relevante Themen lassen wir uns derweil von jungen Demonstranten um die Ohren schlagen (130f). Wir müssen uns im öffentlichen Diskurs auf das konzentrieren, was unsere Gesellschaft voranbringt.
Wir müssen aufhören damit, Kategorien absolut zu setzen und sie damit zu Käfigen unseres Denkens zu machen (134f). Und Ernst machen mit unserer viel gerühmten Inklusion (behindertengerecht, einladend für Obdachlose, Frauenmedizin), die auch unterschiedliche Perspektiven wertschätzt (136ff). Überaus fasziniert bin ich von der Ambiguität des Wortes fremd durch Gümüsays anschauliches Beispiel (142ff).
Wie spricht man frei und im Bewusstsein selbst verordneter autonomer Individualität? Diese Frage verbindet Gümüsay mit einer Morddrohung, die unter dem Einfluss einer Liebesgeschichte entschuldigend zurückgezogen wird (147ff). Und alle folgenden Beispiele tragen die Botschaft: Habe den Mut, du selbst zu sein!
Besonders beeindruckt auch mich die Anekdote, die Gümüsay erzählt (153f): eine türkische Pflegemutter – ohne jede Deutschkenntnis – besucht ihren Pflegesohn im Krankenhaus; der Arzt spricht nicht mit ihr. Schließlich sagt sie: "ich bin unsichtbar" dem Arzt ins Gesicht.
Gümüsay ermutigt Minderheiten, so zu schreiben, als wären sie die Mehrheit (158f). Und sich um Marginalisierte zu bemühen. Ehrlich gegen sich und andere zu sein, ohne erklären zu müssen (159ff). Wenn jede aus ihrer Perspektive spricht, wird die Welt zwar komplexer, aber auch ein Spiegelbild menschlicher Vielfalt (163ff). Keine Perspektive darf Dominanz beanspruchen (166).
Wohin solche Individualitätsansprüche namentlich von Frauen führen, erläutert Gümüsay als neuen erstrebenswerten Pluralismus, der aus der gemeinsamen Verantwortung aller existiert (167ff). Eine solche Offenheit setzt voraus und fordert den Wandel aller. Ein solcher Wandel bewirkt Angst (172). Wohin der Wandel führt, weiß Gümüsay nicht. Sie hofft: in eine gerechte Gesellschaft (173). Die Möglichkeit, Missstände anzusprechen, ohne Lösungsangebote zu machen, Zweifeln und Zögern zuzulassen, Mitdenkende gelten zu lassen, Begrenzungen einzugestehen, maßvoll Kritik zu üben (173ff). In einer Gesellschaft anzukommen, in der alle gleichberechtigt sprechen und sein können (182f).
Wie viel auch die eigenen Gedanken in ihrem Bewusstsein bewirkt haben, zeigt sich an dem ungewöhnlichen zweisprachigen Dank (185ff), der bewundernswert breit adressiert ist. Schon dass sie ihr Buch als Geschenk betrachtet, ist ungewöhnlich. Vollends ungewöhnlich ist ihr Switchen ins Türkische, wenn ihre Familie angesprochen wird. Und nur ein gläubiger Mensch kann ermessen, was es heute bedeutet, mit einem Lob Gottes zu enden.
Die Textnachweise orientieren sich an den Seitenzahlen; die teilweise ausführlichen Anmerkungen (191ff) folgen den Kapitelüberschriften.

Ein kluges Buch, dem ich eine weite Verbreitung wünsche. Es entlarvt Sprache in ihren unterschiedlichen Perspektiven. Die Autorin warnt vor Kategorien, die absolut gesetzt werden, und vor verstecktem und offenem Rassismus. Ihr Ideal von einer Gesellschaft verantwortungsbewusster Demokraten, die mit dem Gleichheitsgrundsatz Ernst machen und alle Menschen gelten lassen, ohne dass sie ihr Sein rechtfertigen müssen. Die Lektüre bleibt nicht wirkungslos, wenn man sie auf sich wirken lässt.
Ich wünschte mir noch mehr Lehrbücher, die so anschaulich unsere Gesellschaft spiegeln.