Sandra Richter: Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur, München: Pantheon 2019, kart., 732 Seiten, ISBN 978-3-570-55394-7, 20 Euro

Eine wohlfeile Ausgabe für ein verdienstvolles lesenswertes und lehrreiches Buch! Ebenso beeindruckend wie umfangreich. Das allerdings auch Ansprüche stellt an die Breite der Leseinteressen. Mir wies es streckenweise recht unmissverständlich meine Lücken nach. Und stiftet so neuen Lesehunger.
Auf dem Cover sind fünf berühmte Autoren versammelt: identifizieren kann ich nur Johann Wolfgang Goethe, Herta Müller und Thomas Mann.
10 große Abschnitte rahmen die zahlreichen Kapitel und umfassen ausschnitthaft die gesamte Geschichte der deutschen Literatur, von den Anfängen um 750 bis 2015.
Und bereits der Beginn des Buches zeigt, dass eine Rezeptionsgeschichte und eine Wirkungsgeschichte beabsichtigt ist. Der Begriff Weltliteratur wird sehr klug problematisiert (17f) und auch deutschsprachige Literatur (19) verbreitert sehr bewusst den Blick, zumal auch Übersetzungen und Übertragungen, literarische Verarbeitungen und Umgestaltungen den Fokus prägen. Die Autorin mutet ein Flickwerk aus Fallbeispielen (26f) zu.
Die Frühzeit literarischer Produktion zwischen 750 und 1450 deutet Richter als Orientierung und Profilierung innerhalb europäischer Repräsentationskultur (28). Zuvor wurden Texte weitergereicht und das kostbare Material immer wieder neu beschrieben. Heldenlieder und Ritterepen bilden den Beginn einer sich immer stärker ausbreitenden Gattungsfülle (33).
Infolge religiöser Zersplitterung und Auswanderung beginnt im 16. Jahrhundert der Export von Literatur. Die neu erfundene Drucktechnik schuf die Voraussetzungen dafür (35). Alphabetisierungskurse verbreiterten die Leserschicht und erhöhten die Nachfrage nach Büchern.
Anhand von Schlüsseltexten wie dem Nathan (102ff) und Rameaus Neffe (118ff) veranschaulicht Richter mit französischer Kulturhoheit ein neues Selbstbewusstsein der Autoren, verbunden mit einem neuen Geniebegriff.
Sie expliziert anhand Goethes Werther (128ff) und Faust (168ff) sowie Schillers Räubern (158ff), wie Weltliteratur entsteht.
Zwischen 1830 und 1890 erläutert Richter schwerpunkthaft Stoffe und Autoren und deren internationale und interliterarische Vernetzung. Sie widmet sich ausführlich dem heute unbekannten Nobelpreisträger Paul Heyse (242ff).
Prozesse wechselseitiger Aneignung zwischen 1890 und 1930 beschreibt Richter am Beispiel der Buddenbrooks (264ff), Rilkes (275ff) und Kafkas (290ff).
Exilbiografien und ihre literarische Rezeption weltweit verfolgt sie im Zeitraum 1930-1960. Rose Ausländer (321ff) und Paul Celan (325ff) stehen im Fokus.
In unterschiedlichen Schriftsteller- und Schriftstellerinnenleben kommt die Gespaltenheit der Gesellschaften zwischen DDR und Bundesrepublik, die Gängelung im Osten und die NS-Belastung und Freiheit im Westen in den Blick: z.B. der Aufbau-Verlag (384ff) im Osten, Heinrich Böll (401ff) und Günter Grass (404ff) im Westen.
Nach 1989 beobachtet Richter literarische Auseinandersetzung mit eingewanderten Autoren aus der Türkei (434ff), aus Rumänien (448ff), aus Frankreich (458ff), aus Ungarn (453ff) und aus Japan (444ff), die Autoren greifen auf unterschiedliche Quellen zurück und fungieren als Brücken zwischen den Kulturen.
Den Abschluss bildet ein Epilog, in der Richter zusammenfassend in 25 Thesen das weltweite Schicksal von Texten betrachtet und historische Wellenbewegungen, die sie erleben. Sie ist felsenfest von einer humanen Zielsetzung der Autoren überzeugt und hofft, dass die Welt mithilfe der Literatur gesellschaftlich stärker auf eine humane Idee der Gemeinschaft versammelt wird.
Nachwort und Dank (483ff) zeugen von weltweiter Vernetzung und Archivalienhilfe durch Assistenten und Studenten.
Es folgt eine Zeittafel Deutschsprachiger Literatur in der Welt von 98 nach Christus bis 2009 (487ff). Sehr informativ finde ich die Landkarten (491ff), in denen die Übersetzungsorte deutschsprachiger Werke verzeichnet sind - und je nach der Menge der Übersetzungen orientiert sich die Pfeildicke, die auf den Druck-/Verlagsort zielt. Weitere Karten markieren die Orte, wo in der Welt Germanistik gelehrt wird (503ff).
Dann folgen die Anmerkungen, die jeweils den zehn Abschnitten zugeordnet sind (507ff). Die Literatur teilt sich auf in Quellen (619ff), Websites und Filme (621) sowie gedruckte oder digital verfügbare Quellen (622ff). Ein Personenregister nimmt die im Buch genannten Namen auf (701ff) und der Bildnachweis (725ff) bezieht sich auf die Rechtsinhaber und die Seiten, auf denen die Bilder gedruckt sind.
Eine Lektüre, die sich auch selektiv zur Kenntnis nehmen lässt. Die Einzelkapitel führen sehr prägnant durch den Text; und so kann man auch je nach Interesse stöbern. Bewundernswert finde ich die Argumentation, die die Lektüre nachvollziehbar macht, und bestenfalls die gewählten Beispiele infrage stellt. Angenehm für das Lesen wirkt das Fehlen jeglicher Anmerkung im laufenden Text. In jedem Fall stellt das Buch eine Bereicherung dar, und es ist jedem Germanistiksstudenten als Begleitlektüre seines Studiums zu empfehlen.