Dagmar von Gersdorff: Vaters Tochter: Theodor Fontane und seine Tochter Mete, Berlin: Insel 2019, kart., 208 Seiten, ISBN 978-3-458-36430-6, 18 Euro

Ein ebenso düsteres wie anrührendes Buch: es führt am Beispiel einer hochbegabten Tochter anschaulich vor, wie Mädchen und Frauen im 19. Jahrhundert auf Gedeih und Verderb auf eine Ehe angewiesen sind. Alternativ steht Ihnen nur der wenig geachtete Weg zur Erzieherin oder Gouvernante offen. Die öffentliche (männliche) Meinung, Mädchen seien zur Unterstützung im Haushalt oder als Ehefrauen zum Haushaltungsvorstand geschaffen, macht sie zum Freiwild junger/alter Kavaliere, zu angepriesenen Objekten im Heiratsmarkt, und zwingt sie – zumal im gehobenen Bürgertum – zum Nichtstun oder zum Schmarotzertum in den Haushalten der Freunde.
Bei sensiblen Naturen kann das zu Depressionen oder, wie es damals hieß, zu hysterischen Krankheitsaffecten führen.
Im Fall eines gebildeten Mädchens, das die gleichen Bildungsangebote nutzen konnte wie ihre Brüder – so bei Martha Fontane – führen vielfältige Talente in eine Sackgasse.
Damit ist eigentlich der Weg dieser Lieblingstochter Fontanes vorgezeichnet. Erschwerend kommt für sie hinzu, dass ihre Mutter Emilie wohl aus uneingestandener Eifersucht ihr eher mit Kälte, wenn nicht Ablehnung begegnet. So unterstützt sie uneingeschränkt Reisen Marthas zu Freunden der Familie, aber provoziert in der engen Wohnung – spätestens seit Eintritt des Heiratsalters – Unstimmigkeiten, denen der Vater gern aus dem Wege geht.
Nur einmal reißt der regelmäßige Briefkontakt zwischen Vater und Tochter monatelang ab, als sie versuchsweise im Alter von 18 Jahren die Familie eines Sängers (dessen Ehefrau und Emilie Fontane befreundet sind) in Warnemünde besucht. Vater Fontane ist wie immer mit Schreiben beschäftigt (26). Martha verliebt sich in den Sänger Julius Stockhausen, und somit ist eine Anstellung in dessen Haushalt undenkbar!
Während Fontane ihre Gegenwart als inspirierend genießt, lehnt Emilie den unnützen Esser aus naheliegenden Gründen ab. Die Autorin vermutet eine Abtreibung hinter den lebensgefährlichen Erkrankungen Marthas (34f par 64). Hoffnung machen sich die Eltern auf eine Verbindung Marthas mit dem Sohn der anderen befreundeten Familie Schreiner (42f).
Martha fällt der Familie unangenehm auf durch ihr Vornehmtun und ihr fehlendes Durchhaltevermögen als Erzieherin in Klein Dammer (62f, 72).
Die Hoffnung auf eine Verlobung Marthas mit Rudolf Schreiner wird enttäuscht, ebenso Marthas Hoffnung auf eine Veröffentlichung (85f).
Die Perspektive, eine reiche Amerikanerin als Gesellschafterin zu begleiten (94f), zerschlägt sich (98). Wie schon öfter flüchtet sich Martha in die Krankheit (100). Ein 32-seitiger illustrativer Abbildungsteil zur Anregung des Kopfkilos lockert das Buch zur Mitte auf (96f). Auch ein halbjähriger Unterricht in einer Privatschule endet in Krankheit (102f). Ein Frauenarzt, Professor Veit, lässt durchblicken, dass er Marthas Unterleibs-Störungen mit ihrer Situation in Verbindung sieht (134). Erschwerend kommt der Tod ihres ältesten Bruders George an einer Blinddarmentzündung 1887 – hingebungsvoll von ihr gepflegt – hinzu (121). Für viele Frauenfiguren in Fontanes Romanen bildet sie das Modell. Gleichwohl erlebt sie in jeder Gesellschaft wie auch von der Mutter Zurücksetzung und Kritik (124f). Ihr Vater sieht in ihr geradezu seine Muse (177).
Eine neue Freundin, Margarete Wachtmeister, hilft ihr durch Ortsveränderung vorübergehend zur gesundheitlichen Erholung; die Pflege und Sorge um den Vater beeinträchtigen erneut ihre Gesundheit. Auftrieb geben überraschende Erbschaften (160f). Allerdings bleiben die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter erhalten (169f).
Völlig unerwartet verlobt sich Martha mit dem 22 Jahre älteren Professor Fritsch; während sie die Hochzeit vorbereitet, stirbt ihr Vater, und von Erbschaftsstreitigkeiten zermürbt, stirbt sie im Januar 1917 durch einen Sturz aus dem Fenster (181).
Es folgen Literaturangaben (183ff), Anmerkungen (189ff) und Personenregister (193ff).
Ein sehr lesenswertes Buch, in dem immer wieder – gleichsam als Unterzeile – die bis heute wirksamen Klischees über das Wesen von Frauen veranschaulicht werden. Dass von Frauen bis heute selbstverständlicher Pflegeeinsatz für Angehörige verlangt wird, bildet neben der üblichen Doppelbelastung im Haushalt nur die Spitze des kaum unbestreitbaren Vorurteils. Man sollte den Roman daher vor allem Männern als Pflichtlektüre verordnen. Weiblichen Lesern sollte er zur selbstkritischen Prüfung dienen, ob ihr Selbstwert ihrem Selbstbewusstsein entspricht.