Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte. Roman, München: Luchterhand 2019, hc., 352 Seiten, ISBN 978-3-630-87439-5, 22 Euro

Ganz nüchtern betrachtet, handelt es sich um einen Roman, der von Ernest Hemingway und seinem Venedig-Aufenthalt erzählt. Das Geschehen verrät der Klappentext.
Gleichwohl lohnt sich die Lektüre. Der Autor, der selber über das Schreiben zum Sprechen gekommen ist, vermag durch sein Schreiben zu fesseln. Es gelingt ihm, Perspektiven und Blickrichtungen in Gesprächen und Bewegungen zu imaginieren, sodass ein Kopfkino erzeugt wird. Kapitel werden durch szenische Abschnitte ersetzt und bis 42 durchnummeriert.
Dazwischen liegen entweder echte zeitliche Brüche, die auch markiert werden, oder Ortswechsel. Briefe, die Hemingway an den jungen Fischer Paolo (z.B.248f), mit Dein Hem unterzeichnet, oder an seine junge adlige Venezianerin (z.B.252, 256) richtet, bleiben im Rahmen eines solchen Abschnitts.
Immer wieder macht der Autor die schier überbrückbaren Gegensätze zwischen Hemingway und seiner vierten Ehefrau Mary deutlich: Schon zu Beginn des Romans kommen eine besondere Beziehung zwischen beiden und die Gegensätze zwischen ihnen zur Sprache.
Mit der schrittweisen Einführung der Familie Carini (Sergio, 9; Elena, 222; Paolo, 16; und Marta, 81) baut Ortheil die Spannung auf, die bis zum Schluss des Romans bestehen bleibt: es sind die unausgesprochenen Träume der Familie, durch die Bekanntschaft mit dem berühmten Schriftsteller aus ihrem bescheidenen Leben in Burano heraustreten und finanziell bessergestellt werden zu können.
Durch die Carinis wird Hemingway gespiegelt (Marta, 124f, 148f) und Paolo macht Hemingway mit der venezianischen Adligen Adriana Ivancich bekannt (143). Auch sie wird in der Reaktion der Carinis greifbar und anschaulich (222, 224).
Wie die Schreibkrise Hemingways schubweise bewältigt wird, fördert die Lektüre schrittweise ans Licht - in Dialogen und Reflexionen und Selbstgesprächen des Schriftstellers, dessen Schreiblaune erstmals in der Locanda - nahe Torcello (179) - zu greifbaren Ergebnissen aufläuft (202f), die er mit seinem jungen Begleiter, Paolo, gesprächsweise vorbereitet hat (191f).
Hemingway, der sich mit Paolo über Figuren des geplanten Romans austauscht, provoziert eine heftige eifersüchtige Reaktion (234ff). Paolo hingegen träumt sich einen Begleiter, der ihn selbständiger und unabhängiger werden lässt, und in eine Geschichte hinein.
Eine geschichtsmächtige Ablenkung vom intensiven Schreiben bringt ihn mit Löwen eines Wanderzirkus in Berührung (267f). Das Erlebnis wandelt Hemingway in eine Analogie zum Schreiben um, die er Paolo schildert (268f). Und Paolo skizziert ihm seinen Traum von einem alten Fischer und seinem jungen Freund (325f). Über den Fluss und in die Wälder, der Venedig-Roman (329ff) erscheint und schlägt in Venedig hohe Wellen. Die Erzählung Der alte Mann und das Meer (346ff) widmet und schenkt Hemingway seinem jungen Venedig-Begleiter.
Ein vielseitiges Charakterbild Hemingways ist Ortheil mit diesem Roman gelungen. Er wird jeden Kenner des Schriftstellers begeistern und literarisch interessierte Leser*innen, die Hemingway noch nicht gelesen haben, zur Lektüre animieren. Insofern dürfte dieser Roman Ortheils den Verkauf der Erzählungen Hemingways sprunghaft ansteigen lassen.