Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Ditzingen: Reclam 2018 (= Was bedeutet das alles?), kt., 106 Seiten, ISBN 978-3-15-019492-8, 6 Euro

Ein ebenso faszinierender wie erschreckender Weckruf an kritische Zeitgenossen. Bauer konstatiert eingangs die scheinbar verwirrende Vielfalt von Rundfunk- und Fernsehprogrammen, die er kontrastiert mit dem erschreckenden Bestandseinbruch in der Natur: Pflanzen und Tiere sind weltweit massiv bedroht. Selbst Kulturpflanzen und Nutztierrassen sind auf ein Mindestniveau heruntergezüchtet oder genmanipuliert, und fast ein Drittel der weltweit gesprochenen Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Die multikulturelle Gesellschaft wird behindert durch den wachsenden Unwillen, Vielfalt zu ertragen.
Beklagt wird die geringe Ambiguitätstoleranz, obschon Ambiguität sprachlich unvermeidlich ist: Schießen lernen – Freunde treffen, so wirbt ein Schützenverein um Mitglieder (13). Mehrdeutigkeit ist ein unvermeidlicher Bestandteil menschlichen Lebens: jeder agiert in unterschiedlichen sozialen Rollen.
Offenbar sind Menschen aber ungern mit Mehrdeutigkeiten konfrontiert (16). Ambiguität ist auch Gemeinschaften eigen: so wünschen sich in der frühen Neuzeit Menschen eine Sterbephase, um noch die Sakramente zu empfangen; heute erscheint ein plötzlicher und schmerzloser Tod erstrebenswert (17).
Die USA scheinen Eindeutigkeiten besonders zu schätzen: daher ist Fußball kein Volkssport, daher blüht der Kapitalismus und die Neigung zum Eingreifen in der Weltpolitik (18ff). Ein Gegenmodell bietet die katholische Kirche, die in der Mission erstaunlich ambiguitätstolerant agiert, neuerdings jedoch Eindeutigkeiten durchzusetzen sucht (24). Besonders intolerant durch Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung und Reinheitsstreben waren die Reformatoren (29).
Heute lavieren die Religionen zwischen Fundamentalismus und Gleichgültigkeit (40). Auch Kunst und Musik sind von diesem Einheitsstreben erfasst: selbst politische Aktion kann als Kunst deklariert werden (47f).
Kunst und Musik driften ab in die Bedeutungslosigkeit, indem Qualitätsunterschiede nur noch in der Öffentlichkeitswirkung und im Marktpreis akzeptiert werden (60f).
Einen weiteren Faktor der Vereindeutigung sieht Bauer im Authentizitätswahn: Kunstwerke sollen den Künstler authentisch spiegeln; im Alltag verdeutlicht sich dieser Trend im Schwund der Höflichkeit (69f).
Analog dazu hat sich der Identitätsbegriff verhängnisvoll ausgewirkt: Menschen wurden und werden in Kategorien, Rassen, Geschlechter, Gender eingeteilt. Womöglich ist dieses Bestreben nach Eindeutigkeit die Ursache für die weltweite Verfolgung der Homosexualität (80f).
Kein Wunder, dass sich diese wahnhafte Neigung auf die Demokratien auswirkt: Europa und die USA liefern Anschauungsobjekte. Sind Demokratien überhaupt mit dem Kapitalismus vereinbar? (89).
Den Schlussstein der Entwicklung bildet der Maschinenmensch – typisch, dass mein Diktiersystem sich weigert, das Wort zu speichern – eine Entwicklung, die sich in der Digitalisierung und KI-Forschung abzeichnet. Davor, dass die Prinzipien menschlicher Moralität dabei auf der Strecke bleiben, warnt Bauer vehement (96f).
Zitatnachweise und Literaturhinweise (98ff), Kurzbiografie des Autors und Veröffentlichungen in Auswahl (103f) beenden den kleinen Band.
Hoffentlich erreicht Bauer eine breite Öffentlichkeit mit seinen ebenso plausiblen wie erschreckenden Perspektiven! Durchsetzt mit einleuchtenden Beispielen - mit einer Menge Aha-Effekten - gelingt es dem Büchlein, die Leser bei der Stange zu halten. Vielleicht gelingt es dem Autor, dem Bazillus oder Virus der Vereindeutigung Einhalt zu gebieten. Programmverantwortlichen in der Medienindustrie sollte das Büchlein Pflichtlektüre werden!!