Heinrich Grosse (Hg.): Martin Luther King: Ich habe einen Traum. Ein Lesebuch. Dem Andenken an Prof. Dr. Heinrich Grosse gewidmet, Ostfildern: Patmos 2018, hc., 192 Seiten, ISBN 978-3-8436-1037-7

Ein leidenschaftlicher Anhänger der Gewaltlosigkeit, ein begnadeter Redner und ein christlicher Streiter für die Gerechtigkeit in der Nachfolge Jesu und Mahatma (Mohanda K.) Gandhis tritt dem Leser in dem Buch entgegen. Und indirekt, in den Übersetzungen, der kongeniale Geist des Herausgebers, der das Erbe, mit Hilfe eines engagierten christlichen Verlags, vor dem Vergessen retten will. Es ist auch heute so aktuell wie eh und je.
13 ungekürzte und eine Auswahl kurzer Texte werden durch ein Vorwort und Stationen des kurzen Lebens eingeleitet. Die 50 Jahre zwischen der Ermordung, die ähnlich wie die JFKennedys nie vollständig aufgeklärt wurde, haben die Veröffentlichung beschleunigt/angestoßen.
Immer noch sind ja weltweit rassistische Einstellungen, ungerechtfertigte Ausgrenzungen gegenüber Minderheiten - aktuell gegenüber Flüchtlingen, Ureinwohnern, Opfern einer Besatzung in Nahost und Minderheiten - zu beklagen. Immer noch boomt eine Tötungsindustrie und stuft den Frieden zu einem Stiefkind von Machtinteressen herab und Friedensfreund*innen zu Traumtänzer*innen.
Anschauliche Auslöser der Sendung des jungen Predigers, der mit 34 Jahren den Friedensnobelpreis erhielt, verdeutlichen die Triebfeder, die das Leben dieses besonderen vorbildhaften Nonkonformisten prägte. Als Prophet der ökumenischen Christenheit (35) erscheint er in dem Buch.
Die weitgehend spontane Rede vom Dezember 1955, die den Busboykott in Montgomery eröffnete, leitet die Reihe ausgewählter Rede- und Schreibtexte des Predigers ein. Sie führt bereits die unnachahmliche Rhetorik vor Augen, die sich durch kurze Sätze, gedankliche Wiederholungen und Akkumulationen, anaphorische Reihungen auszeichnet. Und immer wieder setzt sie mit direkter Anrede neu an und ändert die Perspektive des argumentativen Zugriffs. Dabei gelten die Beschwörungen nur drei Aspekten: der unverbrüchlichen Solidarität zum gemeinsamen Anliegen, der Gewaltlosigkeit und der inneren Sicherheit einer gerechten Sache.
Der Nonkonformismus gilt MLKing als ein heiliges und evangeliumsmäßiges Anliegen, abgeleitet von einem Römerbriefzitat (46); der Text veranschaulicht den politischen Prediger, der die Bibel für die aktuelle Gegenwart auslegt. 
Der dritte Text dokumentiert die Rede, die den Busboykott beendet und zugleich zur Versöhnungsbereitschaft aufruft (59ff). MLKing mahnt, auf Vergeltung oder Rache zu verzichten und Verständnis mit den Gegnern zu üben.
Der vierte Text beschreibt als Auszug einer Buches den Weg in die Gewaltlosigkeit; er versammelt wichtige charakteristische Eigenarten gewaltlosen Widerstands, wie er auch gesellschaftlich wirksam werden kann: keine Demütigungsabsicht des Gegners,
aber Vernichtungsabsicht des Bösen, der Ungerechtigkeit, ohne den Ungerechten zu schaden. Das Gefühl für die Gegner ist Agape (68ff).
Wie die Demonstanten vorbereitet werden, schildert Text 5, der die Selbstverpflichtung jedes Teilnehmers enthält (75f).
Ein langer Brief (77ff) aus dem Gefängnis in Burmingham (Alabama) veranschaulicht die Enttäuschung und Empörung, die dem gerechten Anliegen der Bürgerrechtler von weißen Geistlichen (Predigern und Rabbinern) entgegenschlägt.
Im Zentrum steht der legendäre Text der Rede vom August 1963 im Rahmen eines Marschs auf Washington vor dem Lincoln-Memorial, der von dem spontanen Zusatz
I have a dream (112ff) beherrscht wird und von einer menschenwürdigen Zukunft Amerikas kündet.
Eine Predigt im Rahmen seiner Europareise in Ost-Berlin ist besonders eindrucksvoll; am späten Abend des 13. September 1964 in der Sophienkirche am Alexanderplatz gehalten und mit großen Emotionen aufgenommen: MLKing beschwört die gemeinsame Menschlichkeit - ein Herr, ein Glaube, eine Taufe (117) - und redet die Hörer als Volk Gottes an (119). Ein besonderes Gebet der Protestler um Gleichberechtigung trifft auch die DDR-Bürger in der aktuellen Situation (122).

Wenige Wochen später - am 10. Dezember 1964 - nimmt er in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen: ein begeisterter Treuhänder der Menschlichkeit (128).

Und eine seiner umstrittensten Reden ist seine flammende Rede am 4. April 1967 in einer Kirche in New York gegen den Vietnamkrieg (130ff). Schweigen hätte Verrat bedeutet: er beruft sich auf die Verpflichtung durch den Nobelpreis (132). Hier ruft er auf zu einem radikalen Wandel zu einer Personen-orientierten Gesellschaft (134). Und damit zu einer entschlossenen Solidarität mit allen, die keine Stimme haben.

Die Rundfunkübertragung einer Weihnachtspredigt imDezember 1967 enthält den flammenden Appell zum Frieden in der Welt. Alle Geschöpfe Gottes gehören zusammen, stehen in Wechselbeziehung zueinander (141). Friede auf Erden schließt Leidensfähigkeit ein und die Bereitschaft, auf jegliche Gewalt zu verzichten und die Gewalttäter zu lieben. Auch diese Predigt endet mit Träumen für die Zukunft (149f).

Eine Predigt vom 4. Februar 1968 - kurz vor seiner Ermordung und nach vielen Todesdrohungen - endet mit eigenen Gedanken zum Tod. Er möchte Jesus nahe sein und sieht sich als Tambourmajor für Frieden (153f).
MLKings letzte Rede am 3. April 1968 - völlig frei gehalten - setzt besonders prophetische Akzente: er sieht sich auf einer Zeitreise an der Seite von Mose, von Martin Luther, von ungerecht Geknechteten zu allen Zeiten, die ihm als Muster/ Nachweis dienen für die Gerechtigkeit der eigenen Sache. Er appelliert an seine Hörer, an seiner Vision vom Gelobten Land festzuhalten (171).
Seine kleinen Texte (172ff) umkreisen seine spirituelle Mitte: den entschiedenen Verzicht auf Hass und seinen lebenslangen inneren Kampf gegen die Angst. Zugleich legen sie Zeugnis ab von seiner besonderen Nähe zu Gott.

Mit einer Zeittafel des Lebens von Martin Luther King (180ff), einer Übersicht über die Textquellen (184ff) und einer Vorstellung des Übersetzers mit Foto (190f) endet das Buch. Es sei jedem engagierten Christen als Pflichtlektüre empfohlen!