Roger  Hackstock: Flexibel und frei. Wie eine umfassende Energiewende unser Leben verändert, München: oekom 2017, kart., 252 Seiten, ISBN 978-3-96006-017-8, 23 Euro

Claude Turmes: Die Energiewende. Eine Chance für Europa. Mit einem Vorwort von Rainer Baake in Zusammenarbeit mit Jérémie Zeitoun; aus dem Französischen von Karola Bartsch und Ursula Varchmin, München: oekom 2017, kart., 384 Seiten, ISBN 978-3-96238-012-0, 23 Euro

Am Beispiel Österreichs, aber immer mit Ausblicken auf Deutschland und die EU, illustriert Hackstock in vielfältigen Facetten und Beispielen die Anforderungen, die mit einer konsequenten Energiewende für die moderne Industriegesellschaft verbunden sind. Dabei bewertet er - ein Lobbyist der Solarindustrie - aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse die massive Klimaveränderung weltweit als vom Menschen und seiner Energiegier verursacht: Die Erde steht vor einer riesigen Herausforderung, und die globalen Player müssen sich auf ein Umdenken einstellen.
Wir haben nur einen Planeten und sind dabei, ihn für uns Menschen unbewohnbar zu machen, so die Botschaft, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Wir müssen unser Energiesystem dekarbonisieren (= von fossilen Energieträgern unabhängig machen).
Technisch lässt sich schon heute verwirklichen, dass jeder Haushalt seine eigene Energie umweltneutral produziert, durch Solar- oder/und Windenergie. Dagegen stehen Vorschriften, viele Altbauten, die nicht alle plattgemacht und neu gebaut werden können, aber die Energieeffizienz kann entscheidend verbessert werden. Überhaupt gilt es, disruptives Denken (86) zu erwerben, das heißt mit Gewohnheiten zu brechen und so Innovationen zu ermöglichen.
Hackstock zeigt, dass die Digitalisierung dem Prozess der Energiewende ungeahnte Schubkraft verleiht. Es beginnt mit intelligenten Thermostaten, wirkt weiter durch regionale Energievernetzung und endet mit einer Direktverbindung zwischen Energielieferant und Kunden.
Flexibilisierung ist das Zauberwort der Zukunft. Industrieunternehmen richten sich in ihrer Auslastung nach dem Wetter (131ff). Selbst energieintensive Unternehmen finden Lösungen, um sich schwankenden Wetterbedingungen anzupassen.
Städte und Umland werden energetisch und ökonomisch verkoppelt. Sogar denkmalgeschützte Gebäude lassen sich ohne Einbuße sanieren.
Elektroautos und Ladestationen sind auf dem Vormarsch (157ff). Alle sechs Jahre verdoppelt sich die Reichweite dieser lautlosen, jedoch überraschend schubkräftigen Fahrzeuge. So erkennen Autohersteller die Zeichen der Zeit, Elektroautos nehmen zu und werden billiger.
Und die Tendenz zum Ausstieg aus Anlagen mit fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Erdgas) greift lawinenartig um sich.
Trotzdem leben wir immer noch so, als hätten wir einen Ersatzplaneten zur Verfügung. Das Global Footprint Network bietet Interessenten an, den ökologischen Fußabdruck zu berechnen. In diesen Berechnungen ist alles enthalten, was Menschen brauchen und verbrauchen. Für ein nachhaltiges Leben steht jedem Menschen eine Fläche von 1,7 ha zur Verfügung. Die Wachstumsideologie der Wirtschaft, die von allen Staatenlenkern als Entscheidungsgrundlage und Garant für den gewohnten Lebensstandard akzeptiert wird, wirkt kontraproduktiv. Das Buch macht unmissverständlich deutlich: wir müssen umsteuern, wenn wir nicht unsere Lebensgrundlagen zerstören wollen.
Ein ausführliches Literatur-Verzeichnis (231ff) folgt und eröffnet ein Panorama, fast könnte man sagen ein Kaleidoskop von weltweiten gleichsinnigen und -stimmigen Positionen.
Einerseits macht das Buch Mut zum eigenen Weg in die Energie-Effizienz, andererseits macht es traurig oder zornig über die Verbohrtheit und Ängstlichkeit der Mächtigen. Wer das Buch gelesen hat, ist durchpulst von der Überzeugung, aktiv an diesem notwendigen Umbau und dem neuen Bewusstsein mitwirken zu müssen.

Ein europäischer - leider kein entscheidungsbefugter - Player (Mitglied im europäischen Parlament: Claude Turmes) mit jahrzehntelangem Erfahrungshintergrund über das Wirken der Industrie- und Energielobbyisten in Brüssel und Straßburg zeichnet ein spannendes zähes Ringen - von Fortschritten und Rückschlägen geprägt - um die Durchsetzung der Energiewende auf europäischer Bühne nach. Der Staatssekretär im Bundesmisterium für Wirtschaft und Energie steuert ein Vorwort (7ff) bei, in dem vor allem die Steigerung der Energie-Effizienz angemahnt wird.
Turmes geißelt die Verzögerungspolitik der Energiekonzerne, die Ängstlichkeit der Europarat-Mitglieder, sowie die Querschüsse der Lobbyisten, die sich nicht scheuen, auch Falschmeldungen zu lancieren, um die Förderung erneuerbarer Energien (EE) und den Beschluss ehrgeiziger Energiesparziele durch die Kommission zurückzudrängen oder besser noch zu verhindern. Das Emissionshandelsystem (EHS) erweist sich als Flop (93ff), weil alle Beteiligten von der Fehlsteuerung profitieren. Vor allem erweist sich der Einfluss des Energiekommissars Günther Oettingers als verhängnisvoll (hier hat man wohl den Bock zum Gärtner gemacht), weil er bewusst ein fehlerhaftes Gutachten zur Klimaziel-Entscheidungsgrundlage der EU gemacht hat. Ein ränkevolles Spiel der Kommision gegen die Einspeisevergütungsregelung der EE kann glücklicherweise dank der entschiedenen Haltung Junckers durchkreuzt werden.
Hingegen wird der Bau eines neuen Druckwasserreaktors mit hohen Subventionen entgegen dem erklärten Willen der Europarats-Mehrheit in England genehmigt (wohl auch durch die Warnung vor einem möglichen Referendum, das dann ja wirklich mit dem britischen Austritt aus der EU endet).
Im zweiten Teil des Buchs entwickelt Turmes Visionen, wie er sich eine erfolgreiche Energiewende vorstellt:
Zunächst muss ein sauberer Verkehr gewährleistet werden (nachhaltiger Druck auf die Automobilindustrie), aber auch Luft- und Seeverkehr müssen weniger umweltbelastend gestaltet, gegebenenfalls elektrifiziert werden.
Jedes Haus, das europaweit neu gebaut wird, muss als Null-Emissions-Gebäude geplant werden; die bestehenden Altbauten müssen gegen Wärme- und Kälteverluste weitestgehend gedämmt werden. Ein europäischer Fonds soll diese Aufgabe erleichtern und verwirklichen helfen.
Europa muss eine Führungsrolle für umweltfreundliche Technologien weltweit übernehmen und die dafür erforderlichen Strategien entwickeln. Solange die chinesische Wirtschaft durch Dumpingpreise dabei stört, sollte die WHO ihr den Status einer Marktwirkschaft aberkennen.
Ein Regelungsrahmen mit dynamischer Preisgestaltung sollte das Recht auf eigene Energieerzeugung durch jeden Verbraucher sicherstellen und gesetzlich europaweit eine Trennung zwischen Energielieferung und Netztätigkeit vorschreiben (249).
eine nationale und europäische Gesetzgebung muss sich in diese Richtung (auf europaweite Energieeffizienz hin) weiterentwickeln (268f).
Turmes hält als Zwischenphase vor einem Bundesstaat Europa Makroregionen für nötig, um die finanziellen Aufwendungen kooperativ schultern zu können. Zur Sicherheit der Gasversorgung ist ein europaweites Pilotprojekt vorgesehen, das Schule machen könnte (279ff). Auch die Finanzmärkte müssen umdenken und
-steuern. Damit die Finanzplätze "grüner" werden, müssen die Handelsbeziehungen (z.B. mit Afrika) stärker an ethischen Standards gemessen werden.
Die traditionellen Energieträger (Kohle, Öl, Gas) müssen Ausstiegsszenarien entwickeln, ebenso wie die Kernernergie, deren Umwelt- und Gesundheits-Risiken durch die Fukushima-Katastrophe erschreckend veranschaulicht wurden.
Die großen Energiekonzerne - arg gebeutelt durch den hereingebrochenen Strukturwandel mit unübersichtlicher Konkurrenzsituation - müssen ihre Geschäftsfelder neu ordnen und in EE investieren. Während sie vorher Gewinne ohne Ende verbucht haben, müssen sie nun innovativ, international vernetzt und spezialisiert agieren, um am europäischen Markt im Zeichen der Energiewende bestehen zu können.
Weltweit entwickelt sich ein Trend zu regionalen Gebietskörperschaften, die eigene Energiekreisläufe evozieren und bürgernah agieren - in Europa ebenso wie in den USA. International sollte "nachaltige Energie für alle" weiterentwickelt und ein bestehender Konvent der Bürgermeister gestärkt werden (333).
Entgegen allen Bedenken schafft die Energiewende Arbeitsplätze in der EU. Allerdings müssen die auslaufenden Kraftwerke mit ihren Zulieferern sozial abgefedert werden, damit die dort Beschäftigten eine Umstiegschance in Zukunftstechnologien erhalten. Eine sanfte Umstrukturierung tut not (341).
Die politischen Entscheidungsträger müssen den 450 Mill. EU-Bürgern den notwendigen Rechts-Rahmen bereitstellen, damit sie sich aktiv an der Energiewende sowohl als Sparer wie auch als Investor beteiligen können.
Im Epilog reflektiert Turmes über den Brexit und die Folgen für die Energiewende. Die Chefs der europäischen EE-Vereinigung sind beide Briten - ein Zeichen für hervorragende Lobbyarbeit. Gleichwohl beschwört Turmes einen Ruck durch entschlossene regionale Energienetze, die selbstbewusst in Brüssel auftreten/ mobilisieren und die Macht der Oligopole mindern, wenn nicht hinwegfegen werden. Das Jahrzehnt bis 2020 darf nicht verloren sein (363ff)! In dieser Schlusspassage wirkt Turmes fast beschwörend; und es steht ja auch wirklich viel auf dem Spiel! Außerdem nimmt er mit Recht für sich in Anspruch, das Anliegen vieler Hunderte von Menschen auszusprechen, denen er in seinem Nachwort (370ff) dankt. Die Anmerkungen (373ff) runden das Buch ab.
Zwei Aussagen, die die Bescheidenheit des Autors belegen, und zugleich eine Charakterisierung des Buchs darstellen, setze ich hier an den Schluss:
Dies ist kein Buch! Dies ist nicht mein Buch.
Es ist zugleich ein Kampfruf gegen uneinsichtige und unflexible Industrien, die am liebsten weiterhin uneingeschränkt fossile Energieressourcen verbrauchen und nutzen würden. Turmes reiht sich ein in die große Menge der Natur- und Umweltschutzorganisationen. Der Kampf ist nicht vorbei und er braucht viele Verbündete. Das Buch ist keine Unterhaltungs Lektüre, aber es klärt auf und motiviert.