Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder, Berlin: Suhrkamp 2016, hc., 350 Seiten, ISBN 978-3-518-42546-6, 24 Euro

Ein ungewöhnlicher Lesestoff! Wenn man das Buch in die Hand nimmt, vermutet man eine fromme Lektüre. Dass die Autorin sich in einen schrulligen Icherzähler verwandelt, der streckenweise an seinem Verstand zweifelt, obwohl er wohlbestallter Professor an der Universität Frankfurt ist und soeben eine Tagung über die Divina Commedia von Dante erfolgreich hinter sich gebracht hat. Das fiktive Datum ist das Wochenende vor Pfingsten 2013. Diese Basisfiktion ermöglicht der Autorin eine unglaublich spannende und irrlichternde Durchsicht durch dieses epochale Werk eines Autors, der sowohl das heutige Italienisch grundgelegt als auch eine eigenwillige poetische und formale Struktur für sein Epos gefunden hat.
Der Autorin gelingt es sogar, im Roman die Struktur des Danteschen Werks nachzubilden (er umfasst 34 Kapitel): dabei werden die handelnden Personen als vortragende im Rahmen des Tagungsprogramms anschaulich und präsent und ihre je eigentümliche Vortragsweise, der eigenwillige Umgang mit ihrem Thema sowie der zu Grunde liegende Inhalt des gewählten Ausschnitts aus der Göttlichen Komödie auf anregende Weise transparent.
Der Leser erfährt durch die Brille des Icherzählers, Prof. Gottlieb Elsheimer immer wieder ausschnitthaft faszinierende Szenen des Dante-Opus magnum in vielfältiger Übersetzung.  Aber er braucht viel Geduld bei zahlreichen Abschweifungen, die der wechselhaften psychischen Verfassung des erdachten Dante-Forschers und Romanisten geschuldet sind - kein Wunder bei dem Erlebnis, bei dem 36 Menschen, 33 Wissenschaftler und drei Leute vom Personal (15) und ein Hund verschwinden und das wie ein roter Faden immer wieder an die Oberfläche drängt. Ist es ein Vorkommnis oder ein Wunder? Die Frage bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. 

Raffiniert erscheint mir die systematisch-assoziative Entwicklung, die der Ich-Protagonist immer wieder kritisch reflektiert. Das Ganze spiegelt ein Erinnerungschaos, das entsprechend der Belesenheit des Frankfurter Professors auch eine Menge literarischer Assoziationen aus dem Dunstkreis des Romanisten an die Oberfläche schwemmt - sogar Hinweise auf seine eigene Berufswahl enthält. Allerdings zielt die Spiegelung immer wieder auf herausgehobene Gesänge Dantes zur Hölle und zum Läuterungsberg, deren Deutung sowohl die zeitgenössische vierfache Auslegungspraxis veranschaulicht als auch Analogien zur aktuellen Zeitgeschichte entdeckt. Immer durch den Blick von Gottlieb Elsheimer, wie er sich mit wenig schmeichelhaften Selbstwahrnehmungen entlarvt.
Und beinah wird der Eindruck lanciert, als sei der Hund, der Terrier Kenny, nicht nur ein beredter stummer Zeuge des Vortragsgeschehens, sondern auch ein ahnungsvoller Seismograf des künftigen skurrilen Geschehnisses.

Jedem Bildungsbürger, selbst wenn er vorher noch keinen Blick in das italientische Nationalepos von Dante Aligieri geworfen hat, wird die ungewöhnliche Textmontage aus dem 14. Jahrhundert um Florenz mehr als Interesse einflößen. Sicher wird er der Behauptung der Autorin nachspüren, ob wirklich 50 deutsche Fassungen und Auszüge des Epos vorliegen. Die Faszination des Danteforschers wird auch ihn begeistern: 33 + 1Gesänge beschäftigen sich mit der Hölle, 33 mit dem Purgatorium oder Läuterungsberg und 33 mit dem Elysium oder Paradies. Man könnte den Roman als eine eigenwillige Einführung in das Dantesche Werk lesen. Unterhaltung ist auf jeden Fall garantiert!!!