Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen, München: Knaus 2015, hc., 352 Seiten, ISBN 978-3-8135-0370-8 

In knochentrockener Nüchternheit und Distanz zum berichteten Geschehen handelt die Autorin vom Kontakt und wachsender Vertrautheit zwischen einem pensionierten Professor für Alte Geschichte und einer Gruppe von Schwarzafrikanern, die ständig von Entscheidungen zuständiger Behörden in Atem gehalten werden, weil sie weder die Beweggründe der Entscheidungen noch deren Anlass verstehen können. Die Struktur des Romans erinnert an ein Tagebuch, obwohl Richard und seine Gedanken immer unpersönlich bleiben.
Eher nebenbei erfährt man, dass seine Frau, die er schmerzlich vermisst, schon 5 Jahre tot ist; und seine Geliebte betrügt und verlässt ihn wenig später.
Auch seine Bekannten, die eher wenig von seinen Kontakten mit Schwarzafrikanern halten, treten eher zufällig in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Und eine afghanische Sprachlehrerin, die er durch diese Kontakte kennenlernt, verliert sich spurlos, nachdem ihr Auftrag beendet ist. Er findet sie trotz aller Mühen nicht wieder.
Das Arbeitsverbot und die Rechtlosigkeit der jungen Leute setzt ihm stark zu, zumal er peu a peu ihre Geschichten erfährt und sich immer mehr in ihre Situation hineinversetzt, ihre Kultur kennen und schätzen lernt und sich wundert/zunehmend ärgert, warum solche Talente zur Untätigkeit verbannt sind. immer deutlicher wird ihm das Prekariat (170ff), in dem seine farbigen Bekannten leben (müssen).
Die Unverhältnismäßigkeit polizeilicher Aktionen (258f) gemessen am erkennbaren Anlass ermöglicht eine Relativierung medialer Verlautbarung. Wer das Buch liest, wird feststellen, dass der Adrenalinspiegel steigt und die Empörung über nüchtern  Festgestelltes, wenngleich es immer wieder ironisch und sarkastisch an das Gesetz
und seine Norm anspielt (z.B. 257, 270f, 301).
Die Wohnsituation Richards, er lebt allein in einem großen Haus, provoziert den Vergleich mit den Unterkünften der Schwarzafrikaner in Berlin und erzeugt unvermeidlich auch im Leser ein unangenehmes Schamgefühl, sofern er/sie in einer Mehrzimmerwohnung leben darf; begleitet wird es von fiktiven Vergleichsüberlegungen seiner und der Geflüchteten Probleme (252f); es wird stärker, als die Argumente genannt werden, die Richard von seinen Freunden und Bekannten hört auf die Frage, ob sie einen Schwarzafrikaner in ihr Haus aufnehmen können (331).
Das Buch hinterlässt einen Gefühlsmix aus Scham, Ekel, Wut, Verzweiflung, Zynismus, Mitleid, Aktionismus gegen ungerechte Vorschriften und Gesetze. Es verdient einen engagierten Leserstamm, der sich durch Einfühlsamkeit anstecken lässt. Keine Zeile lässt Langeweile aufkommen; bis zum Schluss bleibt man von der Geschichte gefesselt! Umso mehr, als die Geschichte wie durch einen Zerrspiegel die eigene Situation infrage stellt.