Colson Whitehead: Underground Railroad, München: Hanser 2017, hc., 352 Seiten, ISBN 978-3-446-25655-2, 24 Euro

Wirklich ein fantastisches Buch! Trotz seiner Romanform mahnt es eine millionenfache Schuld an, die ein deutscher Leser womöglich noch schmerzlicher hindurchspürt: Amerika hat m.W. nie seine historische Schuld: die Dezimierung von Indianern als mehrfachen Genozid eingestanden, geschweige denn seine Schuld auch nur annähernd gegenüber den zahlreichen Stämmen der Indianer, deren Lebensgrundlagen zerstört und deren kulturelle und sprachliche Eigenheiten weltweit verspottet wurden, eingestanden, von den vielfachen Vertragsbrüchen in den feierlichen  Übereinkünften mit den Indianerhäuptlingen abgesehen.
Bis heute gelten die Ureinwohner Amerikas, wenn sie nicht längst im Schmelztiegel der Vielvölkermenge untergegangen sind, als vernachlässigbare Größe, die nur gelegentlich eine Randnotiz in der veröffentlichten Meinung wert scheinen. Und die farbigen Amerikaner - der Autor scheint viel Verwandtschaft mit ihnen zu spüren, womöglich in sich zu tragen - kämpfen noch immer scheinbar auf verlorenem Posten gegen rassistische Vorurteile, trotz eindeutiger verfassungsmäßig zugesicherter Rechte.
Gleichwohl hat das Buch nichts von moralischem Zeigenfinder an sich, und die Hinweise auf vergangene Schuld sind ganz unauffällig und plausibel eingebettet in den Handlungsverlauf. Dazu trägt auch die multiperspektivische Darstellungsweise des Buches bei: immer wieder werden Romanfiguren aus ihrem eigenen Werdegang erklärt.
Anhand der Geschichte einer flüchtigen  Sklavin wird ein Netz ausgespannt, das historische Fakten mit Fantasie mischt. Klar ist: es gab ebenso viele Helfer der flüchtigen Sklaven, wie es Denunzianten, Gleichgültige und fanatische Verfolger aus den unterschiedlichsten Motiven gab.
Der Autor greift die naheliegende Frage nach der Vereinbarkeit von Sklaverei und Christentum nicht auf, aber immer wieder leuchtet im Denken der Protagonistin der Gedanke auf, dass Menschen mit Würde begabt sind und ein gleiches Recht vor dem Gesetz zu beanspruchen haben. Immerhin wird Cora alias Bessie als wache und kluge Frau geschildert, die nicht nur einmal mit der amerikanischen Erklärung der Menschenrechte bekannt wird. Das Entsetzen, wie Menschen mit Menschen umgehen, wird durch die Distanz gesteigert, die der Autor seiner Geschichte angedeihen lässt. Leidenschaftliche Proteste erheben seine Figuren, aber die Ereignisse selbst werden lediglich konstatiert. Und die Protagonistin Cora, die sich zwischendurch zu ihrem eigenen Schutz Bessie nennt, vergisst nie ihre Vergangenheit und die damit verbundene Rechtlosigkeit, obwohl sie zum Schluss des Romans der Freiheit nahe scheint.
Der Mann, der sie zur Flucht angeregt und begleitet hat, wird auf bestialische Weise, so erfährt sie später, umgebracht. Ein letztes Kapitel (333ff) klärt das Schicksal von Coras Mutter Mabel ganz unspektakulär: immer wieder bricht der Hass auf die vermeintlich herzlose und grausame Flucht-Entscheidung der Mutter in Coras Gefühlen durch.
Die verschiedenen Haltungen zu Sklaverei in den Regionen Amerikas, die Cora durchlebt, spiegeln die Verdrängungsmechanismen der Bürger wider, die fatal an die Haltung der Deutschen gegenüber den Juden während des Nazi-Regimes erinnert: nichts sehen, nichts hören, nichts wissen.
Obschon der Mob für alle sichtbar Selbstjustiz übt an allen an der "Railroad" Beteiligten: Kombattanten, Sympathisanten, Helfern, Geflüchteten, und alle den unmenschlichen Strafaktionen interessiert zuschauen. Die schweigende Mehrheit duldet das Unrecht.
Es wäre schön, wenn dem Buch ein Personenregister beigefügt würde und Hinweise, welche Fakten im Buch der Fantasie des Autors und welche der Realität entsprechen. Es würde der Qualität nicht schaden, aber den Aufklärungs- und Bildungswert des Romans zweifellos erhöhen. Jedem, der sich wie ich ein Leben lang mit Indianerschicksalen und den Unterprivilegierten in Amerika (überwiegend in Romanform) beschäftigt hat, wird das Buch als literarischer Höhepunkt erscheinen. Gerade in unserer Zeit und der irrationalen Verteufelung von Geflüchteten aus anderen Kulturen wünschte man dem Buch weltweite Verbreitung!!!