Anna Magdalena Bössen: Deutschland. Ein Wandermärchen. Unterwegs mit einem Koffer voller Gedichte, München: Ludwig 2016, kart., 368 Seiten, ISBN 978-3-453- 28076-2, 16,99 Euro

Blättert man in dem Buch neugierig herum, fühlt man sich an die ehrwürdige und alte Tradition des Vortragsbuchs erinnert; eines dieser uralten Schätze[1], vermutlich vom Anfang des 20. Jahrhunderts, schmückt noch heute meinen Bücherschrank. Sie tragen auch fantasievolle Namen: ein roter Leineneinband umschließt den 1922 im Inselverlag Leipzig gedruckten und hübsch dekorierten Band mit dem Titel "Als der Großvater die Großmutter nahm". Die Autorin tritt auch als Erbin in die Fußstapfen berühmter Vorgänger (die Rezitation ist eine mindestens seit der Romantik eine beliebte Kunst und hat regelrechte Spezialisten hervorgebracht: erinnert sei an Ludwig Wüllner, der vor allem vor dem zweiten Weltkrieg eine Berühmtheit war; aber ich habe als Schüler noch Klaus Kinsky's Rezitation erlebt (im Samtgewand und mit brennender Kerze pflegte er aufzutreten).
Nun enthält das Buch eigentlich tagebuchähnliche Eindrücke einer radelnden Rezitatorin, die aber in schöner Regelmäßigkeit mit einer Perle der Lyrik in Kursivschrift enden, sehr gekonnt zum Thema des Abschnitts ausgewählt. Auch die Schwarzweißfotos jeweils nach dem Gedicht passen! Ein besonders einprägsamer Pfiff besteht in den Logos/runde s.-w.Piktogramme, die jeden Abschnitt krönen und das Thema des Abschnitts andeuten. Ein Bett (165) z.B. symbolisiert den Hexenschuss in Magdeburg, die Eurozeichen (179) Finanzprobleme, die die Tour zu verdunkeln drohen.
Die Hommage an Heine ist schon im Titel nicht zu übersehen - sein (stark!) gekürztes Epos "Deutschland. Ein Wintermärchen" eröffnet den Reigen der Lyrik. Schade, dass die eigenwillig, aber gut gewählten Texte im Inhaltsverzeichnis nicht zu finden sind - man muss sich als Leser überraschen lassen! Vielleicht ist genau das beabsichtigt?
Beim genaueren Lesen stößt man auf eine weitere Traditionslinie, die von der Autorin nicht erwähnt wird, weil sie längst in Vergessenheit geriet: literarische Zirkel, die z.B. mit den Namen Rahel Varnhagen und ebenfalls der Romantikepoche verbunden sind, aber neuerdings von einzelnen Leseratten wiederbelebt werden. Solche Zirkel überraschen sie mit jeder Ankunft. Vor allem adlige Gutshäuser als Sponsoren der schönen Künste beschwören eine weitere alte Tradition herauf, wo der Künstler als Domestik mit Gauklern und Possenreißern gleichgestellt war (115f).
Bössen macht sich philosophische Gedanken, die in den Gedichten anschließend auch wieder anklingen, und sie radelt zunächst rund um Schleswig-Holstein - immer die Gastgeber im Blick, mit denen sie im Vorab verabredet hat: Gedichtrezitation vor geladenem Publikum und als Honorar freie Unterkunft und Verpflegung. All ihre Prinzipien vor der Tour (78: jede deutsche Insel besuchen, niemals umdrehen und nur mit Schiffen fahren) verrät sie - das Wetter und ihre Kondition stehen ihrem Perfektionismus im Wege.
Die zweite Etappe durch Deutschlands Osten startet zu zweit - und ihre beste Freundin Marie fordert Rücksicht und zwingt zu Kompromissen. Hier ist die unterschiedliche Wahrnehmung in Ost und West ein wichtiges Thema, einschließlich der sehr verschiedenen Schicksale vor der Wende, die angedeutet, aber auch beispielhaft geschildert werden (97f).
In diese Zweisamkeit mit der Freundin bricht die Nachricht ein: die Anregerin und Mutmacherin der Radtour, die Mutter liegt im Sterben (125). Dabei sind noch zwei Auftritte zu absolvieren, einer sogar unter Beteiligung des NDR (129). Die folgenden sieben Tage sind so geschildert, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.
Nach der Beerdigung der Mutter radelt die Autorin allein weiter. Sie schildert sehr anschaulich ein Segelerlebnis mit einem wortkargen jungen Mann und wie trotz Flaute ein intensives Gespräch zustande kommt (137f). Ähnlich lebendig werden die wechselnden Gastgeber in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Immer bietet der Text Gelegenheit, an den wechselnden Stimmungen B's Teil zu haben. Auch an den Strapazen der Radtour. Und an den Wechselfällen des Wetters. Zwischendurch wird immer wieder die Ausgangsfrage lebendig: was und wo ist Heimat? und Was bedeutet Deutschland?
Begreiflicherweise wird diese Frage in Weimar besonders dringlich, wo Dichter und Denker die Nation groß gemacht haben, wo die KZ-Gedenkstätte Buchenwald an mörderische Barbarei erinnert und die Frage nach der persönlichen Zukunft besonders dringlich erscheint (160f).
Immer wieder wird Bössen von wildfremden Menschen/Gastgebern überrascht, manchmal sehr positiv (167f), manchmal ebenso negativ (50).
Und landsmannschaftliche Unterschiede fallen ihr auf: in Schleswig-Holstein begleitet sie ein völlig fremder unbeteiligter älterer Mann, bis sie sich wieder zurechtfindet und in Mecklenburg-Vorpommern scheint das undenkbar (171f).
Immer noch begegnen ihr die tief verwurzelten Vorbehalte gegen die Wessis, von denen sie sich nach der Wende ausgebeutet/erniedrigt gefühlt haben (173f).
Gründlich vorbereitet und neu gestylt beginnt eine neue Etappe, die mehr finanzielle Sicherheit und ein runderneuertes Programm aufweist. Aber natürlich überraschen sie auch bei dieser Tour große und kleine Katastrophen. Katastrophenmangement heißt die Devise (204f). Langsam wird aus A.M.Bössen eine "Rampensau". Das Buch reflektiert diese Entwicklung entschieden zarter (207).
Zunehmend wird ihr bewusst, dass ihr gleichaltrige Gesprächspartner fehlen: Menschen in der Lebensmitte. Und die Zukunft,da ist die Autorin sicher, wird diese Generation fordern (219f).

Im Westen teilt der Bruder für eine Woche ihre Fahrt; und er hilft wunderbar bei der Technik und teilt auf dem Rad frustrierende Serpentinen (8km immer nachoben, 243f); aber er zofft sich auch mit der älteren Schwester (246). Kein Wunder, dass die Radlerin immer feinfühliger, dünnhäutiger wird. Aber so auch gleichsam atmosphärisch Probleme erahnt, die Gastgeber bedrücken (258f).
Im Ländle überfallen die Autorin Erinnerungen an die Studienzeit (266f); und die Fasnet in Rottweil mit allem geordneten Chaos veranlasst mal wieder - wie schon oft vorher - eine Arbeitshypothese Wir brauchen gelebte Traditionen (271).
Eine besondere Erfahrung erwartet die Autorin im Freistaat Bayern. Hier interessiert sich kein Radio- oder Fernsehsender für sie und ihr besonderes Anliegen. Sie wohnt in Hamburg und ihr Projekt hat nur am Rande mit Bayern zu tun (303f). So ist sie auf ihren Blog angewiesen, um Unterkünfte in Bayern zu finden. Nur einmal gelangt sie in bayrische Medien: als eine Baustelle sie zwingt, einige Meter über die Autobahn zu fahren (330ff).
Überzeugend erläutert sie ihre Ablehnung eines E-Bike. Dafür hat sie ein gebrauchtes C-Bike erstanden - im weiteren Text erläutert sie: sie hat sich verliebt und ihr Freund heißt Conrad (312ff): er schiebt sie bei Steigungen an und gleicht Stimmungsschwankungen aus. Und auf der Zugspitze hält er ganz altmodisch um ihre Hand an.
Die Flüchtlingsströme in Bayern machen die Frage nach der deutschen Identität konkret.
Mit einer Liebeserklärung an ihr deutsches Publikum klingt das Buch aus. Zärtliche Liebe zum Land, zu vielen liebenswerten Menschen, zur Mutter und nicht zuletzt zur alles vebindenden Sprache.
Im Nachwort setzt sich Bössen noch einmal mit ihrem Schlüsselbegriff Heimat auseinander.
Und es erfolgt ein ganz besonderer warmherziger Dank (364f) an ihre emotionale und künstlerische Inspiratorin, an alle Sponsoren und Helfer...Auch die Literaturnachweise (366f) dürfen nicht fehlen.
Es wäre zu wenig, würde man einfach resümmieren: ein lesenswertes Buch. Für mich ist es eine Liebeserklärung an das Fahrradfahren und die entschiedene Forderung, uns Fahrradfahrer bei der Verkehrsplanung viel stärker zu berücksichtigen. Ein Appell an die Auto-, speziell an die LKW-Lenker, Abstand zu Radlern zu halten. Und der rote Faden: Deutschland ist unsere Heimat. Wie gehen wir mit dieser wundervollen Natur und mit unserer so vielfältigen sprachlichen Kultur um? Man kann sich davon betreffen lassen, aber man kann auch einfach an der unterhaltsamen Erzählung einer Sprechkünstlerin, die mit dem Rad ein deutsches Publikum erobert, Lesespaß haben. Eine weite Verbreitung ist durch das Gastgeber-Projekt ohnehin gesichert, aber wer das Buch nicht kennt - die Ausgabe lohnt sich!



[1] Zum Vortrage. Eine Sammlung deutscher Gedichte für den Unterricht an Akademien, Konservatorien, Theaterschulen und ähnlichen Instituten; zum Gebrauch für rezitierende Künstler sowie für Freunde der Vortragskunst und der Literatur hg. von Elise Bartels, königlichem Professor, Berlin: Behr's Verlag o.J.