Unterschiede evangelisch-katholisch

Gemeinhin hört man Stereotypen, wenn man mal über dieses Thema ins Gespräch kommt: die Katholiken beten Maria an und müssen sonntags in die Messe, Protestanten dagegen können am Sonntag im Bett bleiben und sind sehr viel demokratischer organisiert: Sie haben keinen Papst, stattdessen einzelne Gemeinden. Auch wenn man zufällig die Kontroversen in den Medien verfolgt, werden in der Regel nur zwei Aspekte angesprochen: protestantische Pfarrer dürfen heiraten, katholische Priester dagegen müssen ehelos bleiben. Zum Abendmahl im evangelischen Gottesdienst ist jeder Christ eingeladen, zur Eucharistiefeier in der katholischen Messe sind nur Katholiken zugelassen. Begründet wird dies mit dem unterschiedlichen Abendmahlverständnis zwischen Katholiken und Protestanten (nach katholischem Verständnis werden Brot und Wein in der Eucharistiefeier tatsächlich zu Leib und Blut Jesu; die Protestanten glauben an einen symbolischen Akt, an ein Erinnerungsmahl) und mit dem unterschiedlichen Amtsverständnis (katholische Priester führen ihr Amt in ununterbrochener Folge auf die Apostel zurück und werden vom Bischof eingesetzt, während evangelische Pfarrer von der Gemeinde gewählt werden können). Und fast jeder weiß – auch dafür haben die Medien gesorgt – dass die katholische Kirche “künstliche Mittel der Empfängnisverhütung” ablehnt.
Ein wesentlich tiefergehender Aspekt der Unterscheidung trifft das Gemeindeverständnis der beiden Konfessionen: Protestanten stehen mit ihrer Glaubensüberzeugung direkt dem dreieinigen Gott gegenüber, von dem sie glauben mit der Taufe angenommen zu sein, während Katholiken eingebunden sind in ein System von Mitverantwortung und Solidarität: die gemeindliche Fürbitte hat einen hohen Rang und ebenso wichtig sind Jesu Mutter und Heilige, ggf. auch Namenspatronen als Fürsprecher vor dem Thron des dreieinigen Gottes. Allerdings würde Luther – der Reformator – sehr unglücklich sein, wenn er sähe, wie gering der Gottesdienstbesuch evangelischer Christen am Sonntag ausfällt und wie wenig evangelische Christen von der Beichte, die es auch in der evangelischen Konfession gibt, Gebrauch machen! Zwar geht auch die Zahl der Gottesdienstbesucher unter den Katholiken zurück, aber die Tradition oder Gewohnheit versammelt die Überzeugten doch jeden Sonntag in der Messfeier. Auch die Anzahl der Sakramente in den beiden Konfessionen ist unterschiedlich: evangelische Christen kennen Taufe und Abendmahl (nur diese Sakramente hat Jesus nach biblischem Zeugnis selbst eingesetzt), während die Zahl der Sakramente sich wie ein roter Faden durch das Leben katholischer Christen zieht: Taufe,  Firmung, Eucharistie (Abendmahl), Ehe, Weihe (zum Diakon, Priester, Bischof), Beichte und Krankensalbung. Die katholische Kirche kennt noch eine besondere Art der Gebetsmeditation: das “Gegrüßet-seist-du-Maria”, wofür manche katholischen Christen eine Perlenkette (den so genannten “Rosenkranz”) bei sich tragen, um die einzelnen Perlen bei jedem Gebetsteil durch die Finger gleiten zu lassen.
Das “Bodenpersonal” Christi kann in beiden Konfessionen vorbildhaft oder überaus menschlich sein; auch Erfahrungen mit Willkür und Engstirnigkeit machen vor keiner Kirche halt. In diesem Punkt sind sich die beiden Konfessionen sicherlich gleich.
Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich bedaure, dass Konfession und Religion vielen Menschen gleichgültig sind.