Soziale Schieflage der Familien

Fatal, aber durchaus symptomatisch in einer Gesellschaft, in der Kinderlärm laut richterlicher Entscheidung als störend und Kindergärten daher in einer Wohngegend für unzumutbar erklärt werden, mutet die augenblickliche Situation von Familien mit Kindern an, die bereits vor 10 Jahren durch einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts grundlegend geändert werden sollte. So gut wie nichts ist in der Zwischenzeit politisch geschehen. Weder wurde das Familieneinkommen der Anzahl der Kinder angepasst, noch wurden Kindererziehungszeiten entsprechend der höchstrichterlichen Forderung auf die Rente angerechnet.
Alle wissen, dass die Renten auf einem Generationenvertrag basieren, und dass dieser Generationenvertrag kollabiert, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner zu “schultern” haben. Immer noch muss allerdings die Entscheidung für Kinder als ein Armutsrisiko gelten: die Entscheidung eines Elternteils, nur Teilzeitarbeit zu leisten, um der Verantwortung gegenüber den Kindern Rechnung zu tragen, führt zu einem verminderten Rentenanspruch; wenn weder eine Teilzeitarbeit noch eine bezahlbare Betreuungsmöglichkeit für die Kinder verfügbar ist, droht der Absturz in die Armut. Kinder, die in Armut aufwachsen, können auch nach den aktuellen Betimmungen kaum ihren Begabungen gemäß gefördert werden. Das mindert ihre Aussichten, in gut bezahlte Berufe zu kommen, um entsprechend den Generationenvertrag weiter stützen zu können. Schlecht ausgebildete Kinder sind im Arbeitsprozess nicht zu integrieren; sie werden in das Heer der Arbeitslosen eingegliedert. Der soziale Unfrieden ist vorprogrammiert.
Mütter und Väter von Kindern haben nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit, in irgendeiner Weise vorzusorgen, sich zu erholen, Eigentum zu erwerben; wer wundert sich, dass immer weniger Kinder geboren werden. Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Geburtenrate halbiert. Während vor 10 Jahren noch jedes 75. Kind in Armut lebte (heute spricht man von prekären Verhältnissen), trifft die Armut heute schon jedes 5. Kind.
Inzwischen werden Familien mit Kindern, wenn die Eltern pflegebedürftig werden, noch einmal zur Kasse gebeten: wenn von den Renten der Eltern deren Unterbringung in einem Pflegeheim – auch mit dem geltenden Pflegesatz – nicht bezahlt werden kann, werden die erwerbstätigen Kinder zur Finanzierung herangezogen.
Längst hat es den Anschein, als sei die Familie, die sich Kinder leistet und sich für sie verantwortlich fühlt, ihnen auch eine ihrer Begabung gemäße Ausbildung gewährleisten kann, in der Minderzahl – dabei gibt es keinen Zweifel, dass ein Geschwisterkind gegenüber dem Einzelkind hinsichtlich seiner emotionalen und sozialen Entwicklung einen natürlichen Vorteil genießt.
Im allgemeinen wird angenommen, dass ohnehin die Kinder für die Betreuung und Pflege der Eltern im Alter verantwortlich sind; wenn dies zur Folge hat, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können, gibt es keinen Rechtstitel, der ihnen entgangene Einkünfte erstattet oder im Wege der Erhöhung ihrer Rente ihren Verzicht ausgleicht. Dabei leisten solche pflegenden Kinder unbestreitbar einen hohen Beitrag zur Kostenminimierung im Gesundheitswesen.
Es ist also klug, auf Kinder zu verzichten. Die Gesellschaft wird dadurch allerdings sicherlich nicht menschlicher.